Die graue Farbe ist neben allen sonstigen Farben ungefähr das gleiche, was innerhalb der gesamten Formenwelt die sogenannten Architekturformen sind, deren Wesen oder Vornehmheit darin besteht, daß sie eine starke Allerweltsneutralität haben, oder daß sie – was hier ungefähr dasselbe ist – einen ganz großen einzieligen Gemeinschaftswillen zeigen. Deswegen ist unsere Architektur oder sind unsere Hausformen um so minderwertiger, je wichtiger uns das sehr Persönlich-Eigenartige oder je wichtiger uns überhaupt das Eigenartige ist. In Gesellschaft mit vielen Eigenartigkeiten und neben deren Verherrlichung ist die Architektur immer etwas sehr Uninteressantes und ist sie notwendig um so uninteressanter, je nobler sie ist, genau so wie in einer solchen Gesellschaft der Eigenartigkeiten die graue Farbe als die uneigenartigste oder alltäglichste Farbe notwendig in Verruf kommen muß.

Die graue Farbe ist nicht die Farbe der großen Freude oder die Farbe der tiefen Trauer oder der heißesten Liebe oder des wildesten Krieges oder des schlafmützigsten Friedens, sondern ist die Farbe, die alles still verbindet oder ins Verbindliche neutralisiert, ist die Farbe der großen Arbeit, ist die Lieblingsfarbe der Architektur oder der Baukunst oder die Lieblingsfarbe jeder stark aufbauenden großen Gemeinschaft.

Je mehr wir großgesellschaftlich niederreißen, je bissiger wir kritisieren, je kriegerischer oder revolutionärer wir sind, oder je unsicherer wir dem großen Ganzen gegenüberstehen, je fragwürdiger uns ringsumher alles zu sein scheint, um so mehr »reklamieren« wir, machen wir Reklame und um so auffälliger bepinseln wir unsere Häuser und um so ferner liegt uns die graue Farbe und ihre Kultur oder um so mehr fehlt uns das Baumeisterliche, ganz gleich, an welchen besonderen Wirkungskreis wir hierbei denken mögen.

Jedes gedeihliche großgemeinschaftliche Leben und Treiben erwirkt für alles Alltägliche und besonders für alles alltäglich Straßenseitige ohne weiteres eine starke Uniform oder einen »durchgehenden Stil«, so daß dort dann – besonders wieder an der Straße – jedes einzelne im Allgemeinen wie etwas sehr Selbstverständliches, Unauffälliges oder wie etwas sehr allgemein Anerkanntes erscheint.

Das Selbstverständliche, Unauffällige, Neutrale usw. wie auch das Graufarbige ist zwar nicht der einzige Beweis für ein starkes Gemeinschaftsleben, aber ist dort in dem großen Ganzen der Erscheinungswelt das Allersichtbarste.

Ein krankes oder schwächliches, minderwertiges Städtisches wird gewiß nicht dadurch sogleich gesund und stark und hochwertig, daß wir in ihm irgendwie zwangsmäßig alle Häuser straßenseitig grau anpinseln, aber ganz sicher werden alle stabil-förderlichen Maßnahmen, die getroffen werden können, daß ein krankes Gemeinschaftsleben gesunde, auf eine starke Neutralität oder Unauffälligkeit der einzelnen Hausbilder oder Hausfarben hinziele; dort werden die einzelnen Häuser sehr eigenartige oder sehr individualistische Formen und Farbigkeiten schließlich nur zeigen, soweit es sich um gewisse kleinmassige Hausteile – etwa um Haustüren, Firmenschilder, einzelne Schmuckteile, Fensterumrahmungen oder ähnliches handelt.

Der Städter, der sein Haus in der hellen Straße von unten bis oben, über die ganze Hausfläche hinweg mit irgendwelchen heftigen Farben und möglicherweise noch mit blitzenden Ölfarben anpinseln läßt, ist allermeistens ganz zuverlässig ein ausgemachter Querkopf mit sehr geringem Gemeinschaftssinn oder ist eigentlich überhaupt kein Städter, sondern gehört eigentlich in die wildeste, einsamste Natur hinaus.

Und soweit wir sehr empfänglich für den Ausdruck oder für die Gesichter der Dinge sind, können uns die vollfarbigen städtischen Hausanstriche, die uns in neuester Zeit mehr und mehr begegnen, etwas sehr Furchtbares bedeuten.

Diese Hausanstriche sind wie ein letzter Trumpf, den der Zerfall der Architektur auszuspielen hat oder auszuspielen beginnt, und den er nur ausspielen kann, weil uns im allgemeinen die Architektur oder ihr Zerfall immer gleichgültiger geworden ist.

Wenn uns aber großgesellschaftlich die Architektur oder höchste Baumeisterlichkeit nicht weiter besonders interessiert, dann haben wir ernsteste Ursache, für die Zukunft unseres Gemeinschaftslebens zu fürchten; sie wird dort eben so gewiß sehr kriegerisch durcheinander zerstörend sein, wie es sicher ist, daß die Baukunst die blühenden großgesellschaftlichen Kulturen am treuesten begleitet.