Vielleicht sind die Hausanstriche, um die es sich hier besonders handelt, so etwas wie die sichtbarsten Vorläufer einer großgesellschaftlichen Zersetzung, die überhaupt nicht mehr zurückgedrängt werden kann, und so ist es dann vielleicht sehr viel vernünftiger, zu suchen, solche Zersetzung zu beschleunigen oder zu fördern, als zu suchen, sie zu verhüten; aber so furchtbar wie es ist, ganz vorsätzlich planmäßig ein bestehendes Großgesellschaftliches zu zerstören, oder so natürlich, wie es für uns Menschen ist, neben allerlei Zerstörungswut doch immer wieder an das zuverlässig Aufbauende oder Baumeisterliche zu glauben, so vernünftig ist es auch, daß wir immer wieder suchen, innerhalb der großen städtischen Gemeinschaft, an der Straße, in erster Linie männlich-ruhig oder unauffällig zu sein und daß wir als Städter immer wieder suchen, alles das, was betontermaßen mit unserem persönlichen Geschmack, mit unseren besonderen Lieblingsfarben, überhaupt mit unseren ganz persönlichen Eigenheiten zu tun hat, möglichst nur dort zu betonen, wo die Welt uns sehr persönlich zugehört. Und das ist hier – im besonderen Hinblick auf unsere Häuser – das Hausinnere.
Je eigenartiger und stärker die Farben sind, mit denen wir irgend etwas gestalten, um so komplizierter werden im allgemeinen auch die Formen sein, die wir wählen und um so eifriger werden wir für das Ganze einen starken Rahmen suchen und umgekehrt: je weniger wir ein Ganzes einrahmen oder für sich abschließen können, oder je unmittelbarer wir ein Ganzes mit andern Ganzheiten verbinden oder zu verbinden suchen, um so selbstverständlicher ist es, daß wir uns um Verbindlichkeit, um Friedlichkeit, um Neutralität usw. bemühen oder daß wir mit unsern Formen und Farben eine gewisse stille Zurückhaltung üben.
Für das Fassadenbild eines städtischen Reihenhauses ist ein besonderer Rahmen so gut wie überhaupt nicht möglich; in der Reihe der städtischen Häuser erscheint das einzelne Haus immer nur als ein Teil eines viel größeren, und dies allein ist eigentlich Grund genug, jede städtische – und besonders jede städtische eingebaute – Hausansicht abzulehnen, die sich als etwas sehr Selbstherrliches zu spreizen sucht.
Das Innere eines jeden Hauses aber ist immer etwas stark Rahmendes oder Einrahmendes und ist darum immer noch ohne weiteres ein bester oder paßlichster Tummelplatz für unsere Selbstherrlichkeiten.
Sehr ähnlich so, wie unser persönliches Innere, etwa unsere eigenen Gedanken »frei« sind und still in uns die tollsten Sprünge machen dürfen, ist auch unser Hausinneres eine Welt, in der wir sehr nach unserm persönlichsten Belieben tun und lassen können, was wir wollen; sobald wir aber diese stark abgeschlossene, stark eingerahmte Welt verlassen und auf die Straße, in die große städtische Gemeinschaft, hinaustreten, handelt es sich um einen bestimmten Komment, dessen Wesentliches etwas Männliches, Sicheinordnendes, Verschwiegenes oder auch Graufarbiges ist.
So wie das sehr Eigenartige, sehr Auffällige, sehr Reizvolle usw. allermeistens etwas sehr Unmännliches ist, so ist es allermeistens auch etwas sehr Unstraßiges.
Das betont Eigenartige kann der breiten Öffentlichkeit gegenüber nur durch eine außerordentlich große gestaltende Kraft gerechtfertigt werden, und so selten wie solche Kraft ist, so häufig ist alles betont Eigenartige etwas Schwächliches, Schutzbedürftiges, Frauenhaftes, etwas, das für seine beste Wirkung eines starken Rahmens bedarf oder etwas, das wir am besten in das Innere einzuschließen suchen oder am besten nur innerhalb unserer »vier Wände« zur Geltung bringen.
Innerlich können wir kaum eigenartig und äußerlich kaum allgemein genug sein.
»Wes das Herz voll ist, des fließt der Mund über.« Sind wir innerlich leer, so ist es leicht für uns, still oder nichtssagend zu sein; aber so wie der flüssige Schwatz nicht immer ein volles Herz erweist, so ist das äußerliche Stillesein noch kein Beweis für eine innerliche Leere, sondern es kann eine männlichste, großartigste Disziplin bedeuten. Sicher ist, daß jeder innerliche Reichtum auch sehr nach außen hin drängt, aber ebenso sicher ist, daß die menschliche Kultur nicht einfach laufen läßt, was laufen will.
Je innerlicher oder inniger oder tiefer oder unantastbarer oder edler, um so mehr Hemmendes, Schutzwandliches, Toriges oder Verschleierndes ist zu passieren, bevor das Innere sich zeigt oder begreiflich ist; und so hat jede Äußerung, die auf tiefster, wertvollster Innerlichkeit beruht, nicht nur immer etwas sehr Filtriertes oder sehr Abgeklärtes, sondern dort ist es immer auch deutlich so, als liege hinter dem Begreiflichen, hinter der sichtbaren Form und Farbe etwas sehr Unbegreifliches oder etwas viel Formen- und viel Farbenreicheres.