Sind die Formen sehr reich und die Farben sehr stark, und haben wir dann – davorstehend – noch das deutliche Gefühl, daß sozusagen hinter ihnen, unsichtbar, noch viel reichere und viel stärkere Formen und Farben sind, so stehen wir vor allerhöchsten Werken.
Sind aber die Formen und Farben, die »dahinter sind«, z. B. – um es hier grob praktisch zu nehmen – die hinter der Hausansicht, im Innern des Hauses, sind, schwächer oder uninteressanter oder ärmlicher usw. als die Formen und Farben, die wir ganz obenauf oder ganz oberflächlich sehen, so haben wir es mit Formen und Farben zu tun, »hinter denen nichts Rechtes steckt«, oder die das gleiche sind, was wir auch meinen, wenn wir von »leeren Worten« sprechen, die in aller Welt um so übler sind, je wichtiger sie tun.
Das, was wir innerhalb des besten gestaltenden Arbeitens oder innerhalb der Kunst ablehnend als »Äußerliches« bezeichnen, ist immer etwas, das sozusagen stabil auf der Oberfläche sitzt, während das hohe Kunstwerk immer ist, als habe es die Oberfläche überhaupt nicht gestaltet, sondern als habe es eine vorhandene neutrale Oberfläche durchscheinend gemacht; und es ist beinahe richtig, hier zu folgern: jede gute Plastik ist immer so, als habe man sie aus ihrem Innern heraus geformt, oder jedes gute Bild ist immer so, als sei es von der Bildrückseite her durch die Leinewand hindurchgemalt, oder jede gute Musik ist immer so, als sitze der eigentlich Musizierende im Instrumenten-Innern, oder jede gute städtische Hausfarbe ist immer so, als habe man sie aus dem Hausinnern heraus durch die Mauer hindurch nach außen hin filtriert in die vorhandene graue Straßenschicht hinein, während jeder Hausanstrich, der uns sehr sozusagen an Maler und Farbentopf und Pinsel denken läßt, im Sinne des Gestaltens immer minderwertig ist.
Streng genommen dürften die Hausfarben nie angepinselt werden, sondern müßten sie – wenigstens größtenteils – die natürlichen Farben der gewählten Baustoffe sein. Besondere großflächige Hausanstriche sind immer nur soweit nötig, wie – nach baumeisterlicher Beurteilung – unsolide gebaut wird; so gehört besonders auch jeder äußere Kalkmörtelverputz zu den hausbaulichen Minderwertigkeiten; er wird innerhalb des gesamten Baulebens wohl immer eine gewisse Wertschätzung oder immer seine Verdienste behalten, aber jedenfalls ist auf seine eigentliche Minderwertigkeit um so dringlicher hinzuweisen, je mehr man ihn sozusagen zu verherrlichen sucht oder je notwendiger es ist, überall in der Welt nachzusehen, was hinter den äußersten Oberflächen los ist oder je mehr unsere Oberflächlichkeiten uns bedrohen, wichtiger zu werden als unsere Innerlichkeiten sind.
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Die Kamenzer Hausanstriche, die den besonderen Anlaß zu den vorstehenden Ausführungen bilden, widersprechen diesen in betonter Weise. Der Marktplatz dort ist viel mehr kunterbunt als farbig geworden, die einzelnen Häuser sind größtenteils – wie ohne jedes Bedenken – mit eigenartigsten schreienden Farben gestrichen, und es ist, als hätte man dort im Eifer die große hellgraue Fläche der Marktplatzpflasterung und die großen sehr gleichfarbigen alten Dachflächen als gegebene Farbenmassen überhaupt nicht empfunden; jedenfalls sieht es dort nicht so aus, als ob man sich bemüht hätte, diese großen sehr bestimmten Farbtöne in einen Zusammenklang mit den neuen Hausanstrichen zu bringen.
Nur einige wenige Häuser dort, besonders
| das Haus | Markt 11 |
| und das Haus | Markt 12 |
| und das Haus | Kurzestraße 2 |
haben in ihren neuen Anstrichen etwas still-freundlich Liebenswürdiges oder haben neben all’ ihrer besonderen Farbigkeit doch auch durchaus etwas bescheiden Zurücktretendes.
Jeder arbeitliche Mensch weiß, daß es leicht ist, ein fertiges Werk zu bemängeln und außerordentlich schwer ist, heute etwas zu gestalten, das einer ernsten Kritik gegenüber bestehen kann, und so soll hier das Kritisieren nicht weiter ausgesponnen werden; im Gegenteil, es sei hier betont, daß wir es schließlich für sehr viel respektabler halten, daß man – wie man es in Kamenz mit den Hausanstrichen getan hat – bestehende schwierige Probleme überhaupt anpackt als daß man – wie man es vielerorts tut – in die Weltgeschichte hinein – schläft. – Aber je mehr wir uns mit der Bearbeitung unserer Probleme in die breite Öffentlichkeit hinein stellen, um so nötiger ist es auch, daß unsere Arbeit öffentlich auf ihre Richtigkeiten und Unrichtigkeiten hin untersucht werde, besonders auch, damit das als unrichtig Erkannte nicht »fortzeugend Unrichtiges gebäre.«