Abb. 1. Grünstieliger Streifenfarn, Asplenium viride, rechts
Braunstieliger Streifenfarn, A. Trichomanes, links

Der Mai des Jahres 1911 fand mich auf einer Bergwiese im Sattelberggebiete. Auf halber Höhe der ziemlich steil ansteigenden Wiese entdeckte ich da einen roten Flecken, der sich beim Näherkommen als eine wundervolle Gruppe der schwarz-purpurn blühenden Brandorchis, Orchis ustulata, entpuppte. Eine hochwillkommene Gelegenheit zu einer wertvollen Naturaufnahme. Als ich bei niedrig gestelltem Stativ unter das Einstelltuch kroch, fiel mein Blick naturnotwendig auf das Stückchen Wiese unter der Kamera. Und was erblickte ich dort? Gleich mehrere, noch im Jugendstadium befindliche Mondrautenfarne. Ich mußte sie befühlen, ehe ich es glauben konnte, daß die so lange Ersehnten endlich vor mir standen. Es ist dies einer der schönsten Augenblicke gewesen, die mir in meiner langen, an so vielen unvergessenen Stunden reichen naturphotographischen Tätigkeit beschert gewesen sind. Vierzehn Tage später war ich wieder zur Stelle und konnte nun die vollentwickelten Pflanzen für immer im Bilde festhalten. ([Abb. 2.]) Der Bann war damit gebrochen, mit dem sich der Allermannsharnisch gern umkleidet. Ich habe ihn später oft an anderer Stelle gefunden, auch in der Nähe von Dresden.

Abb. 2. Mondrautenfarn, Botrychium Lunaria

Vom andern, dem Natterzungenfarn, besagt das erwähnte Standortsverzeichnis: Gemein bei Ölsen. Eine recht einfache Angabe, welche dem botanischen Spürsinn wieder einen recht großen Spielraum läßt. Fünfzehn Jahre habe ich in dieser Gegend zur rechten Zeit gesucht. Ein einzelnes, kümmerliches Wedelblatt war bis heute alles, was ich fand. Vielleicht ist ein anderer glücklicher gewesen, ich weiß aber auch davon nichts.

Im ungewöhnlich trockenen Sommer 1911 war ich auch wieder einmal im Kirnitzschtal. Am frühen Sonntagmorgen wanderte ich talaufwärts. Da erregten auf der Sohle des im Jahre zuvor ausgeräumten Straßengrabens kleine Pflänzchen meine Aufmerksamkeit. Es war der Natterzungenfarn. In die helle Entdeckerfreude mischte sich hier aber leises Bedauern. Umgefallen, verschmachtet, verdurstet, lagen alle auf der steinhart getrockneten Grabensohle. Guter Rat war teuer. Endlich hatte ein glücklicher Zufall mir die Ersehnten in den Weg geführt und nun war ein photographieren unmöglich. Ich habe dann mein Frühstück ausgepackt und im Feldkessel klares Kirnitzschwasser geholt und die Durstigen fein säuberlich wie Gartenpflanzen gegossen, gefrühstückt – es hat selten so gut geschmeckt – und noch einmal gegossen. Als ich dann am Nachmittag wiederkam, da standen alle zum Danke für den Liebesdienst erfrischt und gestärkt schön aufrecht da. Freilich machte die Aufnahme im Straßengraben einige Schwierigkeiten, weil die Pflänzchen alle die Grabenböschung ansahen. Aber es ist gegangen. ([Abb. 3.]) Dieser Standort besteht nicht mehr. Durch Wasser hergetragene Sporen hatten hier Wurzel geschlagen. Die Pflanzen gingen wieder zugrunde, weil die Lebensbedingungen im Straßengraben doch zu ungünstig waren. Wie oft mag wanderlustigen Pflanzen das gleiche Schicksal beschieden sein – und doch umwanderten viele den ganzen Erdball.

Abb. 3. Natterzungenfarn, Ophioglossum vulgatum

Wo aber kamen die Sporen her? Vielleicht finde ich auch den Hauptstandort noch einmal. –