Und vor dieser hellen weißen Landschaft unter blauem Himmel, in der die Schneeschatten wie blumenblaue Gewölbe schweben, ersteht noch einmal das Bild der schlichten weißen, von Sonne durchgossenen Kirche, in der der strenge erzgebirgische Winter seine weißen Flächen ausgebreitet zu haben scheint und in der der Goldaltar wie eine goldene Sonne über diesen winterlichen Höhen leuchtet.

Aus der Praxis des Pflanzenphotographen

Von Georg Marschner, Dresden

I.

Es ist nicht meine Absicht, Ratschläge zu geben, wie man Pflanzen photographiert, das alles steht in vielen Büchern. Aber weil ich einmal gelesen habe, zum photographieren von Pflanzen seien botanische Kenntnisse nicht erforderlich, und weil dies an sich richtig ist, will ich einiges erzählen von der Pflanzenphotographie, als Teilgebiet jenes unerschöpflichen Arbeitsfeldes photographischer Kunst, das man allgemein mit Naturphotographie bezeichnet.

Vorher aber möchte ich erwähnen, daß mit der bildlichen Darstellung von Naturobjekten die Naturphotographie nicht erschöpft ist. Auch die photographisch einwandfreieste Wiedergabe eines Naturobjektes ist durchaus nicht bestimmend für den dokumentarischen Wert eines Bildes und darauf kommt es an, sondern das Objekt selber, seine Beziehungen zur umgebenden Natur und seine Stellung zum großen Naturganzen sind die Wertmesser photographischer Naturaufnahmen.

Die freundliche Wissenschaft hatte es mir angetan von Kindesbeinen an. Und von den Pflanzen der Heimat waren es die Farne, die meine ersten naturphotographischen Anstrengungen sahen. Gerade die häufig vorkommenden Arten dieser großen Pflanzenfamilie bilden oft Gruppen von außerordentlicher Schönheit, deren bildliche Wiedergabe keine besonderen Schwierigkeiten macht. Aber aus der Literatur kannte ich auch die anderen, die vornehmen und ganz vornehmen und auch ihre Standorte. Ich hatte mir damals vorgenommen, von allen im Sachsenlande noch vorkommenden Farnen Bilder zu schaffen. Eine Aufgabe, die ich zu jener Zeit sehr unterschätzt habe. Aber dieser Irrtum gleich im Anfange, ist meinem Vorhaben nur förderlich gewesen. Die Sache wurde schwierig, als ich anfing, den weniger häufigen und den nur sehr vereinzelt vorkommenden zu Leibe zu gehen. Das heißt, nicht etwa schon mit der Kamera, so einfach war das nicht. Ich mußte ja die einzelnen Nummern meiner langen Liste erst suchen und das dauerte manchmal sehr lange. Hier schon erkannte ich, wie das rein photographische oft ganz zurücktreten mußte, zugunsten des botanischen Spürsinnes, und auch der versagte zuweilen. Fast zwanzig Jahre bin ich älter geworden und meine Liste zeigt noch immer einige bedeutungsvolle Lücken.

Da war z. B. der grünstielige Streifenfarn, Asplenium viride, dessen braunstieliger Vetter A. Trichomanes durchaus nicht selten die Felswände unserer Gebirgstäler schmückt. »Im Kirnitzschtale« sollte er nach einem 1878 erschienenen Standortsverzeichnisse vorkommen. Nun, wer das Kirnitzschtal in seiner ganzen geschlängelten Länge von Schandau bis zur böhmischen Grenze bei Hinterdittersbach kennt, der wird ermessen, was es zu bedeuten hat, in diesem stundenlangen Tale, und bei den gewiß mehr als dürftigen Angaben, den etwa fingerlangen, zierlichen Farn zu suchen, um von ihm eine photographische Aufnahme zu machen. Freunden und langjährigen Wandergenossen, denen ich in einer schwachen Stunde meine Absicht entwickelte und im stillen auf ihre tatkräftige Unterstützung hoffte, hatten für mein naturfreundliches Vorhaben nur ein mitleidiges Lächeln. Ich habe seit dieser Zeit niemals wieder versucht, Helfer zu finden, und von selber ist bis heute auch keiner gekommen. Viele Sonntage sah mich das stille Tal und sein munterer Bach, und manche naturfrohe Stunde war mir hier im waldumrauschten Wiesengrunde beschert. Ich lernte es gründlich kennen, entdeckte viel verborgene Schönheit und schaffte die Vorbedingungen für so manchen Erfolg späterer photobotanischer Streifzüge. Es war mir bekannt, daß der Gesuchte, gleich seinem Vetter an Felswänden wächst. Ich wußte auch, daß der Standort in der Nähe der Talstraße sein mußte. War doch in dem bewußten Standortsverzeichnisse erwähnt, daß sein Standort infolge des Straßenbaues sehr vermindert sei. Aber das war alles sehr lange her und es gab so viele Wände an der Straße. Da erinnerte ich mich, daß ich weit hinten im Tale, bei der Lichtenhainer Mühle, einen guten, alten Bekannten hatte. Es war der langjährige Straßenwart Wagner im Ottendorfer Chausseehause. Nach langem vergeblichen Suchen sollte die Auffrischung dieser vor Jahren gemachten Bekanntschaft entscheidend für das Gelingen meines Vorhabens sein. Ich gedenke gern dieses alten, biederen Mannes, der mir noch oft Mitteilung von wertvollen Naturbeobachtungen aus seinem, von der Natur so herrlich ausgestatteten Wirkungskreise machte. Er erzählte mir damals, daß vor etwa zwanzig Jahren auch jemand dagewesen und nach einem Farn gesucht habe, aber ohne Erfolg. Nannte mir auch Namen und Wohnort des Betreffenden. Es war der Verfasser des Standortverzeichnisses, dessen Angaben auch mich hierher führten.

Für mich eine ganz besonders wertvolle Kunde. Mein Gewährsmann hat mir dann die Felswände, an denen mein Vorgänger vergeblich suchte, beschrieben. Und ich hatte mehr Glück. An einem der nächsten Sonntage suchte ich mit Hilfe einer von Freund Wagner entliehenen fünfundzwanzig Sprossen langen Leiter die zerklüfteten Wände ab und fand den lange Gesuchten in einigen schönen Exemplaren vor. Die Aufnahme, etwa sechs Meter über der Straße, das Stativ mit einem Beine auf der schwankenden Leiter, mit zwei Beinen an der Felswand, machte einige Schwierigkeiten und kostete manchen Schweißtropfen. Von Bemerkungen Vorübergehender will ich schweigen. In Erwartung des so heiß ersehnten Bildes wurde alles leicht überwunden. ([Abb. 1.])

Dann waren noch zwei andere Farne, der Mondrautenfarn, Botrychium Lunaria, und der Natterzungenfarn, Ophioglossum vulgatum. Beides kaum spannenhohe, in ihrem Äußeren ganz farnunähnliche Pflänzchen, die mich jahrelang im Schwunge gehalten haben. Ihnen zuliebe bin ich manchen Kilometer mit schwerem Rucksack gewandert, bin manche nasse Wiese auf den Knien durchrutscht. Dabei immer auf dem Sprunge, falls der Besitzer mein ihm gänzlich unverständliches Treiben mit einem Machtworte zu unterbrechen drohte. Es hat lange gedauert, ehe mir ein Erfolg beschieden war, und ich habe mehrmals zehn lange Monate warten müssen, ehe ich wieder im Mai und Juni des folgenden Jahres mein Suchen fortsetzen konnte. Endlich kam mir der Zufall zuhilfe und brachte mir in einem Jahre beide so sehnsüchtig Gesuchte vor die Platte.