Abb. 8. Greifensteine der Stadt Ehrenfriedersdorf, sieben bis einunddreißig Meter hohe Granitfelsen, mitten im Walde gelegen, mit Berggasthäusern. In der Nähe Stülpner- und Ritterhöhle aus den Zeiten des Bergbaues
Mit einem letzten Blick umfaßt man das hohe Goldgeleucht des Schreins, wenn der Küster die Bilderbuchflügel wieder schließt und nun Wolfgang und Andreas, Bartholomäus und Martin wie Wächter am Tore stehen. Und man gönnt diesen Schatz der kleinen Stadt, die in ihm den schönsten Altar Sachsens besitzt und deren einziger Kunstbesitz er ist.
Abb. 9. Wintersport an den Greifensteinen, vorzügliches Skigelände, fünfzehnhundert Meter lange Rodelbahn, Sprungschanze
Eine Merkwürdigkeit gibt es in der weißhellen Kirche noch: zwei alte kupferne Kesselpauken, die an hohen Festen donnernd zur Orgel dröhnen. Sie hängen an der Empore. Der Pfarrer machte ein einziges Mal den Versuch, den Paukendonner durch Chorgesang zu ersetzen. Aber den Ehrenfriedersdorfer Kirchgängern gefiel das nicht. Sie wollen, daß zwiegestimmter Paukendonner über sie hindräut, wenn sie vorm Goldaltar zur Orgel singen.
Sie haben das Turmblasen in weihnachtlichen Nächten, wenn der Glöckner seine Mansarde illuminiert und sie auf verschneitem Markt nächtlich promenieren, sie haben den Gesang der Bergleute aus der Grabestiefe des Schachtes hoch über der Stadt am Morgen des Weihnachtstages, sie basteln an Weihnachtskrippen und Pyramiden, stellen Bergmannsleuchter mit brennenden Lichtern und nach der Bescherung die Weihnachtsgeschenke der Kinder in alle Fenster, sie halten so viele Bräuche in schönen Ehren – warum sollen nicht auch die Kesselpauken donnern, wenn sie ihrem Gotte dienen? Also wird weitergepaukt, und der verwunderte Gast, der die Pauken in der Kirche hängen sieht, möchte das kriegerische Weltgerichtsgedröhn im Orgelbrausen gern einmal hören, weil es das – Orgel und Pauken ohne Orchester – sonst nirgends gibt.
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Dann stiegen wir zum Glöckner hinauf. Der Weg führt über hochstufige glitzernde Gneistreppen, dann auf hölzerner Laufbahn unterm Dachstuhl hin und im weiten viereckigen Turmschacht, den das Geläut der Glocke von oben durchdröhnt, auf hölzernen Treppen aufwärts. Unverhofft, weil der Turm gar nicht hoch und eigentlich gar kein Turm ist, steht man in einem kleinen bewohnten Vorraum. Hinter einer schmalen offenen Tür schwingt und dröhnt die Glocke dicht über den Dielen. Eine junge Frau greift jedesmal, wenn die Glocke kommt, mit beiden Händen hemmend nach dem Klöppel, damit er schneller ausschwingt. Das junge Weib ist schlank, fast mager. Unter ihren leichten blauen Röcken errät man die Formen eines wohlgebauten Körpers in der Bewegung der Arbeit. Der Gegensatz zwischen der schweren lallenden Last der schwingenden Glocke und der mädchenhaften Biegsamkeit der weiblichen Gestalt ist von eigenartigem Reiz. Aus dem Dröhnen lacht die Frau uns zu. Sie hat ein angenehmes erzgebirgisches Gesicht. Nun ergreift sie einen ledernen Zügel. Es sieht aus, als spiele sie Pferdchen mit der Glocke. Dann, nach einem letzten Schlag, schlingt sie die Lederschlaufe rasch um den Klöppel, der nun den Anschlag nicht mehr erreichen kann. Dann hängt die Glocke leise verklingend. Darüber aus einer Lücke gucken die Männer. Die Glocke wird nicht am Seil gezogen, sie wird von einem schaukelartigen Brett am Glockenlager aus stehend »getreten«, wobei sich die Männer an quer angebrachten Handstangen anhalten.
Wir schmiegen uns an der Glocke vorbei, die fast die ganze Breite des hölzernen Kämmerchens ausfüllt und deren glatter Bronzeleib sich wie belebte kühle Haut anfühlt. Das offene Schallfenster rahmt die frische weiße Landschaft ein. Unter uns liegt die blaugedächerte Stadt weich in weiße Höhen eingebettet. Wir sehen das weiße sonnige Tal, durch das wir dann nach der nächsten Bahnstation wandern werden.