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Die alten Angeln knarren zum zweiten Male. Das zweite Flügelpaar öffnet sich und der Schrein tut sich auf, der die köstliche Schnitzerei birgt.
Zwei winzige Engel tragen mit kindlicher Anstrengung, als hätten sie das von Zimmerleuten beim Gebälkrichten abgeguckt, einen Halbmond, in dessen Bogen Maria in holder, himmelfahrtsbereiter Ruhe tritt. Sie rafft das schwergoldene, blaudurchwirkte Gewand mit zarter Hand, den kleinen Finger damenhaft abspreizend. Schwere magdliche Flechten fallen über die Schultern auf den Mantel. Durchbrochene Baldachine aus verschlungenem Rankenwerk wölben sich über ihr, aus denen wie aus Taubenschlägen die Dreieinigkeit schwebt, um die Himmelskönigin zu krönen. Unter den Baldachinen dunkelt tiefes, tuchweiches Blau – es ist bemaltes Holz.
Abb. 7. Teilansicht der Krippen- und Pyramidenausstellung des Krippenvereins zu Ehrenfriedersdorf im Januar 1924
Neben Maria stehen die heilige Katharina mit dem Schwert und Sankt Nikolaus, dem die Kirche geweiht war, und auf den Seitenflügeln die heilige Barbara mit dem Kelch und Sankt Erasmus mit der Winde, auf die der Legende nach seine Gedärme bei lebendigem Leibe gewunden wurden.
Über dem Schrein in Gold und tiefen Leuchtfarben wächst bis zu den steinernen Gewölberippen hinauf ein zartes Geflecht von Gittern, Ranken und Fialen um geschnitzte Darstellungen des Ecce homo, der Handwaschung und der Kreuzigung. Das feingliedrige Schnitzwerk rankt im seitlich einfallenden Licht in pflanzenhafter Leichtigkeit. Es ist wie ein heiteres auflösendes Spielen, an dem die Hände des Meisters nach getanem Werke Gefallen fanden. Die Fialen biegen sich in launigen Windungen, als ob sie der lange geübten Strenge ausweichen wollten, als ob die Renaissance in die gotische Formenwelt schon lockernd eingriffe.
Der ganze Schrein ist übersponnen. Auf den Flächen des Sockels, über der beschatteten Laube der Predella um Christi Grab, an den Konsolen zu Füßen Marias und der Heiligen, an den Umrahmungen des Schreins und der Flügel, auf den teppichartigen Flächen hinter den Figuren, an den Baldachinen über ihren Häuptern, in den Gittern, Baldachinen und Fialen der Bekrönung, überall rankt und spinnt pflanzenhaft, blumenlicht das goldene Schnitzwerk. An Schmach und Pein und Tod mahnen die Darstellungen, aber darüber, in freudiger Vermählung von Gold und Licht, in jubelnder Leichtigkeit, blüht es wie ein himmlischer Garten, zu dem die jugendliche schöne Göttin im Goldgewand aufschwebt. Von der inbrünstigen Streckung der kindlichen Körper der kleinen Engel, die mit vor Anstrengung gespreizten Flügeln der ruhevoll schwebenden Göttin den Halbmond unter den Fuß halten, der sich von der Erde schon löste, bis zur zierlichen Kreuzblume der höchsten im Lichte flirrenden Fiale geht dieser aufstrebende Zug durch das ganze Werk wie ein Jauchzer durch einen goldenen Garten.
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Auch den Schnitzer kennt die Kunstgeschichte nicht. Dehio schließt auf den unbekannten Annaberger Meister WZ von 1512, während Steche die Hand des Meisters HW zu erkennen glaubt, von dem Werke in Annaberg und Borna erhalten geblieben sind und in dem Steche auch den Meister der Freiberger Tulpenkanzel vermutet. Wiederum: wir wissen nicht, wer dieses Werk schuf, und können nur bewundern.