Abb. 4. Kopfstück des Ehrenfriedersdorfer Altars

In erduldender Ergebung läßt dann Christus die Gefangennahme und die Mißhandlungen vor Kaiphas über sich ergehen, während die leidenschaftlich verzerrten Gebärden seiner Widersacher die schimmernde Gestalt umgeben. In der Szene vor Kaiphas bellt ein springendes, löwenartig frisiertes Schoßhündchen den einen der Häscher an. Jünger sind nicht mehr um Christus – in rührender Besorgnis trug der unbekannte Maler einer ohnmächtigen Kreatur auf, Anteil an der Qual des Gepeinigten auszudrücken, wo niemand mehr sich seiner erbarmt.

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Der Maler des Ehrenfriedersdorfer Altars ist unbekannt. Niemand kann sagen, wie er hieß und woher er kam. Die Forscher haben herausgefunden, daß der Altar um 1510, frühestens 1507 entstanden ist. Um 1510 schuf Grünewald in Frankfurt am Main. Kannte der Maler des Ehrenfriedersdorfer Altars die Werke des Meisters von Isenheim als ein Kleinerer, Strebender, ein Könner, der zum Meister lernend aufsah? Wo schuf er? Und wie kam das kostbare Werk in die kleine erzgebirgische Stadt? Niemand weiß es. Das große Bilderbuch des Altars erzählt viel – über seinen Schöpfer schweigt es.

Abb. 5. St. Nikolaskirche zu Ehrenfriedersdorf, erbaut um 1300

Die Überlieferung verbindet den Namen eines Meisters Hans von Köln mit dem Werke. Flechsig hat festgestellt, daß ein Hans von Köln 1508 in Chemnitz Steuern bezahlt und nach 1515 in Annaberg gewohnt hat. Steche dagegen bezeichnet den mutmaßlichen Meister dieses Namens als eine mystische Persönlichkeit der Kunstgeschichte, für deren Existenz jeder stichhaltige Beweis fehle. Seiner Ansicht nach gehört die Malerei des Ehrenfriedersdorfer Altars der fränkischen Schule um die Wende des fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert an. Flechsig dagegen meint, fränkisch sei diese Kunst nicht, am allerwenigsten nürnbergisch. Eher sei ein niederländischer Einfluß zu spüren.

Abb. 6. Neujahrsläuten mit der »Großen Glocke« in der Ehrenfriedersdorfer Kirche. Die Glocke ist fünfundsiebzig Zentner schwer und stammt aus dem sechzehnten Jahrhundert (1543)

Also: wir wissen nichts und können nur bewundern.