Abb. 1. Wandelbarer Flügelaltar der St. Nikolaskirche zu Ehrenfriedersdorf, von einem unbekannten süddeutschen Meister, um 1510
Wie ein torflügelhohes Bilderbuch erhebt sich der Schrein über dem geschnitzten und vergoldeten Sockel. Auf die vier Flügel sind Heilige und Apostel gemalt: Wolfgang, Andreas, Bartholomäus, Martin. Von der würdevollen Ruhe der Heiligen in reicher Bischofstracht und der märtyrerhaften Ergebung des graubärtigen Apostels Andreas hebt sich Bartholomäus seltsam ab. Sein rötlichgelbes, grün gemustertes Gewand ist mit derselben peinlichen Sorgfalt gemalt, die der Künstler auf die prächtigen Bischofsgewänder Wolfgangs und Martins verwendete. Aber darüber hängt, das Gewand fast verdeckend, der weiße, rötlich überhauchte Mantel in flauen flatternden Falten, die an Grünewalds geisterhafte Heilandsgewänder denken lassen. Und über dem weißen Mantel, leicht geneigt wie lauschend, fast lauernd, von der goldnen Glorie umleuchtet, blickt das Gesicht des Apostels aus der schwarzen Fülle des Haares und Bartes. Auf Mund, Nase und linke Wange fällt Glorienschein, und in diesem erhellten Apostelgesicht glüht das Auge in dunkler Leidenschaft, die auch in der mit dem Messer spielenden Hand zuckt. Es ist, als glimme in diesem schwarzen Auge ein Funke vom Fanatismus jener Nacht, die des Apostels Namen trägt, in der die Pariser Hugenotten um des Glaubens willen geschunden wurden wie er in Armenien. Es ist ein Kalenderzufall, der die Pariser Bartholomäusnacht mit dem Namen des Apostels verknüpft, aber man findet Beziehungen, wenn man dieses verhalten glühende Auge sieht, das dreiviertel Jahrhundert vor jener Blutnacht von einer unbekannten Hand gemalt wurde.
Abb. 2. Mittlere Ölgemälde des Ehrenfriedersdorfer Altars
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Der Küster schlägt die Flügel wie Flügel eines schweren Tores auf und vier andere Bilder erscheinen: das Abendmahl, Christus im Garten Gethsemane, Christi Gefangennahme, Christus vor Kaiphas. Der Maler hat mit Erschütterungen gerungen, die die große Ruhe des Werkes erregt durchzittern. Und wieder liegt ein von innen heraus leuchtendes Zwielicht über den Farben, über dem vergeistigten Graurosa des Heilandgewandes, über dem Fahlgrün des Rockes Ischariots, das an Grünewald denken läßt. Dieses, man könnte sagen: zweideutige Grün, in das Judas gekleidet ist, kennzeichnet den Verräter unleugbarer als das Teufelchen, das ihm beim Abendmahl aus dem Munde schlüpft, als die Geste des heftigen, vom Schauder vor der eigenen Tat schon gejagten Kusses. Schon beim Abendmahl trägt Judas das zwiespältige Gelb-Grün. Es hebt ihn heraus aus der Runde der Jünger, die mit verschiedener Anteilnahme an der Szene zwischen Christus und Judas vor ihren viereckigen Holztellern und den merkwürdig kubistisch geformten Brotstücken sitzen. Christus blickt zur Seite, auf ein nahes, schmerzliches, unabwendbares Schicksal. Er ist schon nicht mehr bei den Jüngern in diesem Augenblick, in dem seine Hand dem Verräter den Bissen Brot reicht und seine Linke den von schmerzlichen Ahnungen erschütterten Johannes umarmt. Zwei schwarze Streifen des weißen Tischtuches laufen wie weisende Male auf Ischariot zu und trennen ihn aus der Runde der andern, vor denen sich Gerät und Speise des Mahles, Brot, Fleisch und roter Wein, das Frühstück mittelalterlicher Bürger ausbreitet. Das alles ist mit geduldiger Sorgfalt, mit liebevoller Hingabe an das spielende Glanzlicht auf einem Glase in der Hand eines unbekümmerten Trinkers zu Ischariots Rechten gemalt. Nur über den zwei Hauptgestalten der Szene, über Christus und Judas, über dem zarten Graurosa und dem Fahlgrün ihrer Gewänder liegt ein Schein, der an Grünewald erinnert.
Abb. 3. Unterer Teil des Ehrenfriedersdorfer Altars
Auf dem zweiten Bilde schlafen die drei Jünger zu Füßen des betenden Heilands. Petrus hält den weißhaarigen Bauernschädel zwanghaft gewendet, die Hände krampfen über Kreuz ins Gewand, als ob Traumgesichte den Schlafenden quälten. Und wieder, wie auf dem Abendmahlsbilde bei Johannes spricht die Haltung eines Jüngers aus, was der Herr durchlebt. Noch in der gestreckten Starre des Beines, dessen nackter Fuß mitzubeten scheint, kommt die Inbrunst des Mit-sich-Ringens ergreifend zum Ausdruck.