Abb. 2. Straßberg im Winter

Wolkenlos und sengend heiß brütet ein stiller Sommernachmittag über der weiten Elsteraue. Ich steige von der staubigen Landstraße den kurzen, steilen Fußpfad zum Gotteshaus empor. Rechts des äußeren Friedhofseinganges schattet breitkronig eine alte Linde, und ihr Blütenduft, von keinem Windhauche verweht, versetzt urplötzlich ins Märchenreich der Romantik. Der weißhaarige Totengräber öffnet die Pforte, und – ich stehe gebannt von der Schönheit des Durchblicks, wie ihn Meister Sippel mit ausgesuchter Kühnheit in [Abbildung 4] auf die Platte gebannt hat. Vom dunklen Vordergrund hebt sich lichtübergossen der Vorplatz mit dem schmucklosen, romanischen Porphyrportal ab. Ich trete ein in die kühle Vorhalle. Eine freudige Überraschung! An den Wänden hängen drei alte Schnitzwerke. Zunächst der Mittelschrein eines Flügelaltars mit der heiligen Anna selbdritt, Johannes dem Täufer und einer heiligen Frau ohne Bezeichnung. Auf dem Kirchboden fand ich später die dazu gehörigen beiden Seitenflügel, innen ohne Schnitzwerke, außen mit Heiligenbildern bemalt. Das zweite, kleinere Schnitzwerk in der Vorhalle, die Fußwaschung Christi durch Maria Magdalena darstellend, scheint ein Innenfeld des einen Flügels ausgefüllt zu haben. Das dritte und kleinste Schnitzwerk, stark beschädigt und ohne Bemalung, stellt nach Steche die Geißelung Christi, nach Ansicht anderer Kunstkenner die Geißelung Pauli dar. Es hat mit dem Flügelaltar nichts zu tun und stammt, wie die beiden anderen Holzbildwerke, aus der Zeit um 1500.

Abb. 3. Kirche mit altem Friedhof

Von der Vorhalle im westlichen Turmbau führen zwei Wendeltreppen nach den Emporen und nach der genau über der Vorhalle gelegenen herrschaftlichen Betstube. An den Wänden verblichene Fresken vom Jahre 1626, Geburt und Himmelfahrt des Herrn darstellend. Das Kreuzgewölbe der Decke zeigt allerlei Stuckfiguren und plastische Engelsgestalten. Jetzt einfach weiß getüncht, scheint diese Decke ehedem bunt bemalt gewesen zu sein. Als weiteren Schmuck weist die Kapelle die Wappen der Adelsgeschlechter von Reibold, von Feilitzsch, von Thoß und von Ende auf. An der dem Schiffe zugewendeten äußeren Brüstung ist das Bildnis des 1712 gestorbenen Hofmarschalls Philipp Ferdinand von Reibold angebracht. –

Abb. 4. Durchblick auf das Westportal

Etwas sehr Merkwürdiges zeigt sich uns, wenn wir nunmehr, von der herrschaftlichen Betstube aus weiter aufwärts steigend, die beiden nächsthöheren Stockwerke des Westbaues in Augenschein nehmen. Diese sind eigentümlicherweise als Wohnung eingerichtet. Das eine Stockwerk enthält zwei stattliche Wohnräume, eine Küche mit Herd, eine Wandnische zur Aufbewahrung von Speisen und einen Vorsaal. Von diesen Räumen führen zwei sich entsprechende Treppen nach dem obersten Geschoß, welches die ebenfalls schön gewölbten Schlafzimmer enthält. Steche vermutet, daß mit diesem Wohnungseinbau die Herren von Reibold einen Druck ausüben wollten, einen selbständigen Pfarrer zu erhalten; denn Straßberg war lange Zeit Filial von Plauen. Ob die hochgelegene Pfarrwohnung jemals als solche benutzt worden ist, läßt sich urkundlich nicht nachweisen.

Abb. 5. Sakristei mit Erbbegräbnis