Rieß-Freiberg.

Verlag Carl Schünemann, Bremen. Preis broschürt 2.50 RM.

Wieder einmal: Reklameschilder

Daß jetzt jede Möglichkeit zum Reklamemachen von Handel und Industrie ausgenutzt wird, mag in diesen Zeiten wirtschaftlichen Tiefstandes seine Begründung und Entschuldigung finden. Aber immerhin sollten dabei nicht Werte aufs Spiel gesetzt werden, die durch schlechte oder unangebrachte Plakate vernichtet werden und weit mehr bedeuten, als alle Reklameschilder samt und sonders einbringen. Ein wahrer Tummelplatz für Geschmack- und Verständnislosigkeiten dieser Art ist neuerdings das Gelände rechts und links der Bahn geworden. Es sei von vornherein zugegeben, daß einmal in der Nähe von Eisenbahnstrecken selten etwas landschaftlich oder volkskundlich Wertvolles zu verderben ist, und daß andererseits gut ausgeführte Reklameschilder an dafür passenden Stellen keineswegs einen unangenehmen Eindruck machen. Ich denke dabei etwa an die Schilder, die an der Dresdner Rennbahn zwischen den Stationen Reick und Niedersedlitz errichtet worden sind; da ist von keinem Standpunkt aus etwas dagegen einzuwenden. Aber so findet man es leider nicht immer. Die schlechtesten Schilder finden sich oft an den landschaftlich schönsten Punkten.

Eine wahre Epidemie dieser Art scheint das Dorf Seeligstadt ergriffen zu haben, daß der von Dresden nach Görlitz zu Reisende zwischen Arnsdorf und Großharthau linker Hand liegen sieht. Zwar hat dieser Ort seinen dörflichen Charakter nicht mehr ganz rein gewahrt; eine Dampfesse zeigt den bereits geschehenen Einzug der Industrie an. Aber trotzdem findet man noch schöne Güter unter alten Linden und Eichen versteckt, und niedliche Bauernhäuser mit Strohdach und Balkenumgebinde träumen am plätschernden, gänsebelebten Wasser, freilich mit böse nach den häßlichen Neubauten an der Straße blickenden Fenstern. Immerhin zeigte das Dorf noch im Sommer 1923 über blinkende Teiche hinweg dem vorbeieilenden Reisenden ein ländliches, beschauliches Bild. –

Aber seit dem letzten Frühjahr ist dieser Friede grausam gestört worden. An einem großen Gute, dessen Scheunengiebel mit breiter Auffahrt und prächtiger alter Linde nach der Bahn herüberschaut, haben sich nicht weniger als vier große, schreiende Plakate breit gemacht. Likör, Stiefelwichse und Nähmaschinen werden angepriesen neben einer Aufforderung, die Breslauer Messe zu besuchen – Schilder wie das letztere, das doch über kurz oder lang zwecklos ist, bedeuten auch reklametechnisch eine vollständige Verirrung.

Dieses böse, auch im Bilde vorgeführte Beispiel hat leider Schule gemacht. Eine kleine Wirtschaft nebenan beeilt sich schon, denselben Schnaps noch einmal anzubieten. Dasselbe war an einem niedlichen alten Strohhaus der Fall, das allerdings in diesem Sommer einem schmucklosen Neubau gewichen ist. Sein Besitzer versicherte mir aber, daß er nie und nimmermehr sein neues Haus mit diesen häßlichen Schildern verunzieren wolle. Eine einzelne Scheune jenseits der Bahn trägt auch ein ganzes Sortiment derartiger Plakate; da hier aber nichts landschaftlich Wertvolles zu verderben ist, wenigstens nicht von der Bahn aus gesehen – vom Dorf aus wird die Scheune durch Bäume verdeckt – so soll dagegen hier nichts gesagt sein. –

Diese Reklamepest wäre verständlich, wenn die Besitzer einen wesentlichen, ins Gewicht fallenden Nutzen davon hätten. Aber das ist nicht der Fall; denn eine Mark fünfzig pro Schild und Jahr sind keine Summe, die die Schädigungen des Landschaftsbildes auch nur teilweise rechtfertigt. Da sich anscheinend gesetzlich auch nicht mit der nötigen Bestimmtheit durchdrücken läßt, so hilft eben nur eine eindringliche Aufklärung der Bewohnerschaft in diesen »gefährdeten« Orten, die dazu erzogen werden müßte, den Angeboten der Plakatreisenden gegenüber sich fest ablehnend zu verhalten.

Mögen diese Zeilen zum Kampf um die Schönheit unserer Heimat beitragen!