Ich sollte also meinen, unsere Pappel hätte doch ein wenig Anrecht, bei Straßenanpflanzungen nicht übersehen zu werden. Wir in Loschwitz haben den Versuch gemacht, eine neuangelegte Straße mit Pappeln zu bepflanzen; und ich glaube, die beabsichtigte Wirkung ist erreicht worden und ermutigt so zur Nachahmung. Es muß nicht alles vom »Krämerstandpunkt« aus gesehen und geleitet werden. Aber immerhin: die Pappel wird sich auch weiterhin nur an den Naturfreund wenden müssen, dem eine Freude an Schönheit mehr gilt als Geld. –

Unser Baum hat eine Seele, eine Eigenart der Erscheinung, ein Eigenleben gegenüber den Kräften der Natur. Hoch, senkrecht zielt sie empor, nur die Waldbäume im tiefen Grund überholen sie in ihrer Sehnsucht nach dem Licht, an Kraft und Höhe. Und dabei welche Regelmäßigkeit in ihrem Aufbau von Ast zu Ast, jeder Zweig ist eine Wiederholung des im Alter vorausgegangenen in Gestalt und im Aufstreben. Leicht beweglich spielen die rutigen Zweige und langgestielten Blätter im Winde. Und im Sturm gibt sie, die noch junge lebensfrohe, klug nach, sie beugt sich in ihrem Wipfel tief vor seiner Gewalt, um sich nicht von dem rohen Gesellen abrackern, zerbrechen oder gar ausheben zu lassen. Und wenn alles Wetter vorüber ist, steht sie, die von des Himmels starkem Atem so frei und wild umwoben wurde, noch ein wenig nachzitternd da: stolz, aufrecht. Und wenn die Pappel – alt geworden – langsam Jahr für Jahr von oben herein abstirbt, wenn sich ihr Wipfel nicht mehr spielend bewegt, wenn die starken Äste oben blattlos und grau in die Luft stehen: ist der Baum darum unschön geworden? Soll er da gar die Landschaft schänden? Nein, er gibt einen leisen, besinnlichen Ton von Vergehen und Scheiden hinein in den vollen Zusammenklang von schöpferischem Licht, von lockenden Farben und schwellendem Wachstum in Feld und Flur. Du sollst das Leben im Gefühle der Lust bejahen, auch wenn du seine Vergänglichkeit siehst! –

Mag es sein, daß ich in meiner Freude vielleicht zuviel aus mir hinein in den Baum trage. Was schadet das? Es ist stets ein frohes, beglückendes Tun, sich in die Wesenseinheit eines Baumes einzufühlen und seinem Ton nachzusinnen, den er durch sein Dasein in dem Zusammenklang von so vielen Erscheinungen eines Landschaftsganzen hören läßt. Der Ausgang wird hierbei immer verschieden sein, dafür sind wir Menschen: ein jeder findet in der Natur immer wieder das, was er in sich hat. So darf ich wohl auch glauben, daß die Gedanken, die ich meinen »Pappelbildern« mitgeben will, nicht getadelt oder belächelt werden.

[Abbildung 1]: Die Schanzpappeln bei Hosterwitz. Das Bild reizt die Phantasie, die Bäume über den Rand hinauswachsen zu lassen bis hinauf in die beweglichen Spitzen. Aber auch ohne das – sie stehen da an dem bescheidenen Brückchen wie zwei altgewordene Wächter, fest und zäh mit dem ebenen Erdreich verwachsen, in dem ihre Wurzeln weithin verankert sein mögen. So trotzig hart im Ganzen gesehen, und doch so leicht nachgebend in Zweigen und Blättern. Ich gab dieses Bild als Erinnerung einem Manne mit, der von uns aus Amt und Würden schied in den Ruhestand, zu jener Zeit, als im deutschen Lande so viele Geister wankend wurden und sich wandelten, und schrieb darunter: »Wir wollen den beiden Bäumen gleichen. Sich treu bleiben! Der Glaube an uns ist das Geheimnis alles Erfolgs. Ein Gott in dir befiehlt mit seiner Macht! So nur reißt sich der Strebende aus den Niederungen des Geschickes und der Zeit empor zur Höhe inneren Glücks. Ich bin durch mein Herz, was ich bin!«

[Abbildung 2]: Das Fährhaus bei Sommershausen. Im Frankenland am Main, in der Heimat von Casparis viel gelesener Geschichte aus dem Dreißigjährigen Kriege »Der Schulmeister und sein Sohn«.

Zwei Altgewordene, die ihre Dienste schlicht und recht, wer weiß wie lange, getan haben. Sie werden nicht mehr gebraucht, eine steinerne Brücke mit weitbogigen Öffnungen und gerader Fluchtlinie hat die beiden für immer abgelöst, abseits stehend sehen sie der neuen Zeit mit ihrem Verkehr zu.

Eine alte Zeit hat das Haus für den Fährmeister und seine Knechte gebaut, gehoben auf ein hohes Bollwerk, um es gegen die stoßenden Eisschollen zu schützen. Seine stattliche Höhe, sein mächtig gebrochenes Dach zeigten von weitem schon dem Fremden, dem Fuhrmann die Stelle, wo der Weg hinüber zum anderen Ufer führt.

Und die Pappel hat dann mit der Zeit dabei wacker geholfen. Sie wuchs über den First hinaus, bis sie zuletzt das Haus bedeutend überragte. So wurde sie noch eher als das Haus gesehen: ein Wegweiser aus weiter Sicht. Und die Schiffer begrüßten ihr winkendes Grün, wenn sie, mit schwerer Last auf Fahrt nach Frankfurt begriffen, um eine der Mainbiegungen kamen. Ihre ragende schwarze Gestalt, ein schwaches Laternenlicht in einem der Fenster, haben auch in finsterer Nacht dem Suchenden die Überfahrt gezeigt.

Abb. 1. Die Schanzpappeln bei Hosterwitz