Abb. 8. Großdittmannsdorf

Allmählich nur gelingt es dem Kuckucksruf, der aus den Bäumen am Fluß drüben läutet, das Möwengeschrei aus meinem Ohre zu bannen. Hier hinter dem Sumpf zeigt das Röderland übrigens so recht, was es in landwirtschaftlicher Hinsicht bedeutet.

Hinter Freitelsdorf gilt es zum ersten Male heut, die Landstraße unter die Füße zu nehmen. Schwarzblau dehnt sie sich nordwärts in unendliche Weiten. Aber langweilig wird sie mir nicht, auch sie hat ihren Reiz, ihren großen sogar – das Geheimnisvolle, der Zug in die Ferne liegt auf ihr! Manch Dörflein, manch stattlicher Kirchturm grüßt mich von weitem, am prächtigsten doch der gewaltige Breitturm von Niederebersbach mit dem kecken Dachreiterchen ganz obenauf.

Abb. 9. Landstraße bei Niederebersbach bei Großenhain

Mächtig schreite ich aus, in wenigen Stunden muß ich am Ziel sein, der Zug wartet nicht. Bieberach mit der Uferschwalbenkolonie in der alten Kiesgrube liegt hinter mir, und schon taucht das rossenährende Kalkreuth auf. Ach, wehmütig wird es mir zu Sinn, wie ich die verlassenen Koppeln sehe, darauf einst vierhundert Jungpferde, Remonten der alten Armee, herumsprangen. Nur vier Hengste noch stehen jetzt hier, wo schon zu Kurfürst Christian I. Zeiten ein Stuthaus für hundert Rosse bestand.

Nördlich von Kalkreuth dehnt sich auf Folbern und Quersa zu eine ungeheure Ebene. Hier war es, wo August der Starke der Reiherjagd huldigte. Im Röhricht am Fluß standen damals genug der blaugrauen Wildfischer, es war nicht schwer, ihrer einen hochzumachen, und dann ward der Falke an ihn geworfen! In verzweifelter Hast stieg der Reiher, er wußte, was ihm drohte, aber wie ein Sturmwind zog der Falke empor, steiler und steiler, bis er ihn endgültig überhöht hatte. Was nützte es dem Grauen, daß er herausholte aus den Fittichen, was er nur konnte; daß er herausspie, was er im Kropf trug; daß er den dolchartigen Schnabel dem Gegner entgegenreckte? Wie ein Stein fiel der Falke ihm auf den Rücken, eine wirbelnde, schwingenschlagende Masse kam weit drüben zur Erde. Und jetzt hieß es für die Jäger Schenkel heran und im vollen Rosseslauf hin zu den Vögeln – keinesfalls sollte der Falke den Reiher abtun; des Weidwerkes feinstes Ziel war, den Reiher lebendig zu fangen, ihn mit silbernem Ring am Ständer zu zieren und ihn dann wieder in Freiheit zu setzen. – Im Kalkreuther Hof wohnte der Oberfalkenmeister mit seinen Knechten, und in der Ebene stand der sogenannte Reiherpavillon, ein anmutiges Schlößchen, darin die Teilnehmer an der Jagd hinterdrein ihre Bequemlichkeit fanden.

Und nun auf zum letzten Kampf mit der Ferne. Schon winken die Großenhainer Dächer und Türme hinter der unendlichen Aue. Daß ich dem Löwenwirt an der Landstraße den Schmerz antue, beim Nachbar mir zwei Gläser Wasser zu erbitten, ist unschön, hilft mir aber bei der Hitze besser weiter als schäumendes Braunbier. Gar bald grüßt mich denn auch das äußerste Vorwerk von Kalkreuth, der Reiherhof, ein Zeuge aus der Zeit des edlen Federspiels. Unter einer wundervollen Pappelgruppe liegt der stattliche Hof mit seinen anmutigen Runddächern da. Mildes Rindergebrumm weht mir aus den Koppeln nach, und mit glänzenden Augen mustern die Fohlen den hastigen Wandrer. Im warmen Abendsonnenschein glänzt der Röderkanal unter der Bohlenbrücke; wie brauner Achat, wie Goldsammet leuchtet jetzt sein Gewässer. Dann umgibt mich wieder Menschengewimmel; ich stehe am Bahnhof und kehre zurück dahin, wo mich der neuen Woche Pflichten erwarten. Das Herz aber, ich weiß es, wird noch lange sich zurücksehnen in das grüne, stille und starke Land dort in der Au.

Bücherbesprechungen

Dr. Jäger und Dr. Schulze, Wanderkarte Mitteldeutschland. Herausgegeben vom Sächsischen Verkehrsverband, Leipzig, Gellertstraße 10. Preis 0.50 Mark. Der Hauptwert dieser Karte, die sich zum Ausarbeiten von Wanderungen in dem Gebiet zwischen Wittenberg und Karlsbad, Erfurt und Zittau recht gut eignet, zumal die Entfernungen zwischen den einzelnen Orten und die Steigungen reichlich und ordentlich angegeben sind, wenn sie natürlich auch beim Wandern selbst die amtlichen Karten nicht ersetzen kann, liegt darin, daß sämtliche Orte mit Jugendherbergen kräftig blau unterstrichen sind. Wer je nach dem Jugendherbergsverzeichnis sich eine Tour zusammengestellt hat, wird ermessen können, welche zeitraubende Arbeit ihm von den Verfassern der Karte abgenommen worden ist. Da auf der Rückseite sämtliche bei den wichtigsten Bahnstationen (auch der Vorstädte der Großstädte) aufliegende Sonntagskarten mit Angabe der Kilometer verzeichnet sind, nützt die Karte auch den Wanderern, die nicht dem Herbergsverband angehören. Sie finden in dem unentgeltlich beigegebenen Hotelverzeichnis eine Fülle von Übernachtungsgelegenheiten.