Auch im Dorf findet sich viel noch, was dem Heimatfreund Auge und Seele erfreut; trauliche Tagelöhnerhäuschen und stattliche Bauernhöfe, eine schöne alte Schmiede und ein wahres Juwel von Pfarrhaus, braun verschalt und rot beziegelt. In seinen blühenden Garten trete ich jetzt ein, ziehe die Glocke und verlasse mit einem Bunde gewaltiger Schlüssel bald darauf durchs Hinterpförtchen das Haus. Der Herr Pfarrer vertraut sie mir an; mein Wanderausweis vom Heimatschutz tat mir auch hier leicht die Pforten auf.

Abb. 6. Schloß Niederrödern

Still und feierlich liegt das Innere des kleinen Gotteshauses da. Zwei herrliche Sträuße duften vom Altar her, der edel und würdig bekleidet ist mit rotem Sammetornat vom Jahre 1690. Rechts von dem kleinen Spätrenaissancewerk fesselt meine Aufmerksamkeit ein ungewöhnlich schönes Steinmal. Ein geharnischter Mann kniet dort, ein Ritter aus dem Zeitalter der Reformation. Aber in seinem Gesicht spricht sich mehr noch aus als ritterbürtiger Anstand – der charaktervolle langlockige Kopf redet auch von offenbarer geistiger Überlegenheit und Bedeutung. Christoph von Beschwitz ist es, Erbherr und Doktor der Rechte, der seit dem Jahre des Herrn 1540 hier seine Urstünd erwartet. Mit einiger Mühe entziffre ich die Schrift am Fuße des Steins. »... sein Wandel war erbar fridtsam und schlecht – in seiner Herren Dinst ein trewer Mann ...« O du deutsches Wort!

Abb. 7. Toter Röderarm bei Niederrödern

Im vorletzten Gehöft vor der Mühle gibt es eine Hochzeit. Eine prächtige Ehrenpforte krönt den Toreingang. Noch ist die Braut nicht sichtbar, aber die männlichen Festteilnehmer sitzen in feierlichen schwarzen Hosen und blütenweißen Hemdärmeln unter dem Flieder. Röcke sind sicher auch vorgesehen, ich kann sie von hier aus nur nicht entdecken. Eine Trompete im Hof bittet die Festversammlung in wehmütigen Tönen, ihr doch zu sagen, was es bedeuten solle, daß sie so traurig sei – da bin ich bei der zusammengestürzten Brücke schon wieder zum Dorfe hinaus, allein in der Frühnachmittagsstille. Auf dem Gepfähl sitzt der rotrückige Würger und schaut nach Maikäfern aus. In den Lüften aber blitzt schon hier und da silberner Möwenflug auf; ich bin also recht auf dem Wege zur Brutkolonie des reizenden Vogels hinten im Sumpf. Noch einmal schau ich vom Steinberg herab auf das liebliche Rödern. Der Brautzug kommt jetzt heraus aus dem Gehöft, die Trompete von vorhin schmettert ein schneidiges Stücklein, und dann heben die Glocken an zu schwingen. Glück auf den Weg, junges Paar!

Naß wird der Pfad jetzt und weich. Ein weiter brauner Wald alten Rohres weht vor mir im Wind, und bald bin ich im wogenden Halmemeere verschwunden. Unwillig schilt der Froschkantor über die Störung, sechs seiner begabtesten Schüler auf einmal sehe ich grade noch kopfüber im Wasser verschwinden; raschelnd fährt die Ringelnatter durchs Röhricht, aber ungestört noch durch mein Nahen schrillen die Rohrsänger im Schilf um die Wette. Puh, ist es hier heiß! In wahren Strömen rinnt mir der Schweiß von der Stirne, vor den Augen flimmert der Sonnenglast und stahlblauer Libellenflug. Weiß wie Schnee deckt das Wollgras den unsicheren Boden, der mich zu immer gewagteren Sprüngen zwingt. Wie es hier lebt in dem Sumpf! Entengeschnatter, Fasanenschrei, immer neues vielstimmiges Kreischen von unsichtbarem Getier dringt an mein Ohr, und nun auf einmal stiebt in gewaltigem Ruck eine mächtige weiße Wolke hinter den Halmen empor – hunderte, nein tausend Lachmöwen sicher steigen auf edelschmalen Schwingen dort auf, kreisen angstvoll hoch in der Luft, fallen wieder ein, rudern über die blanken blauen Wasserstellen im Sumpf, steigen wieder auf, lassen ihre Losung fallen, krächzen, krähen, schrillen, als wollte die Welt untergehen. Vorsichtig arbeite ich mich heran an die Blänke, sehe durchs Glas hinüber zu den Kaupen, darauf die Nester stehen mit den graugrünen, braungefleckten Eiern, und ziehe mich dann leise zurück, um nicht zu lange die fleißigen Brüter zu stören. Aber noch immer steigen neue Scharen auf; dazwischen strack und steil einzelne Enten; das Geschrei will nicht aufhören. Ganz wirbelig biege ich um die äußerste Rohrecke, schon wieder auf festem Boden; da liegt es schneeweiß auf der Wiese, auch hier hunderte der aufgescheuchten Vögel, die bei meinem Nahen verwehen wie der Oktobernebel vor der aufsteigenden Sonne.

Weit aus der Wiese schau ich noch einmal zurück. Braun liegt der Schilfteich, schüchtern erst kämpfen sich hellgrüne Junghalme durch, aber welch unvergeßlicher Anblick, welch hohe Freude bot mir diese Einöde heut. Ein Stück große, echte Natur durfte ich hier schauen, wie ich sie in der übervölkerten Heimat gar nicht mehr zu finden gehofft.