Ich liebe ihn sehr, diesen stillen braunen Tieflandsfluß, der die Großenhainer Pflege erquickt und verschönt. Ein Stück unterhalb des Städtchens haben sie ihm ein neues Bett gegraben, des Bahnbaues wegen, aber bald wallt er wieder unter uralten Eichen seines ursprünglichen Weges dahin. Ganz allein bin ich hier; kein Mensch in der Runde; Wildtaubengegurr, Pirolruf und Lerchengesang nur erfüllen die Stille, und die Aue erjauchzt in einer Farbenpracht ohnegleichen. – Die Röder war immer ein gutes, zuverlässiges Fischwasser und ist es in gewissem Sinne bis auf unsere Tage geblieben. Freilich, seitdem mit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts die schmutzigen Fabrikwässer sich in die Heimatströme zu ergießen begannen, ist der ursprüngliche Fischreichtum sehr zurückgegangen, und das Gesinde in den Elbdörfern braucht nicht mehr im Mietvertrag sich auszubedingen, daß es nicht mehr als zweimal in der Woche Lachs zu verzehren brauche zum Mittagsmahl. – In den ältesten deutschen Zeiten war der Fischfang in unserer Heimat ganz frei; später ward er ein Recht des Grundherrn, zu dessen Gebiet der Wasserlauf zählte. Der als mustergültiger Wirt sattsam bekannte Kurfürst August wandte der Fischerei seine besondere Aufmerksamkeit zu. Vor allem trat er der unvernünftigen Behandlung der Fischweid entgegen. So verbot er, in dürren Jahren die in den Bächen verbleibenden »Teufen« auszuschöpfen und den Fischen ihren letzten Zufluchtsort zu rauben. Er gab Vorschriften über Art und Beschaffenheit der Fangwerkzeuge. Besonders hielt er darauf, daß nicht zu engmaschige Netze verwandt wurden, und für Krebse, Hechte und Barben wurden eiserne Modelle angefertigt, unter deren Größe nicht gefangen werden durfte. Nur Mittwochs und Freitags war das Fischen erlaubt, und mit Strenge wurde die Verunreinigung der Fischwässer durch das Rösten des Flachses verhindert. Den Holzmühlen war es untersagt, die Sägespäne ins Wasser zu werfen, und selbst die hoch privilegierten Gruben durften die Pochwerksabwässer nicht unmittelbar in die Flüsse ableiten. Ganz besonders scharf aber war der Landesherr hinter den Fischdieben her. Im Jahre 1568 befahl er, bei allen Hegewässern in Abständen von tausend Ellen einen hölzernen Galgen aufzurichten, und tatsächlich ließ er die Strafe des Stranges wider etliche mutwillige Verbrecher ergehen.

Abb. 5. Schloß Niederrödern

Manch nasse Stelle ist hier noch übrig geblieben aus der Zeit, da weit und breit der »Rad« der Sumpf, die Gegend beherrschte, und der Pflanzenfreund, mein ich, wird hier manch wertvollen Fund machen. –

Ein Stück komme ich hier vom Wege ab und muß den neuen Bahndamm als Straße benutzen. Das ist nicht erlaubt, und deshalb ist mir es auch äußerst fatal, daß ich die Kiebitze nicht los werde, die immer lauter meine Übeltat hinausschreien in die Sonne. Dumme Kerle, ihr habt doch den wenigsten Grund, Menschenkulturwerk zu schützen – oder haltet ihr mich vielleicht für den Erbauer des Werks, das euch wieder ein Stück von eurem Revier raubte?

Rotbraun ziehen sich die Moorgräben durch die Wiese. Goldenes Dotterblumengerank geht ihnen zur Seite, silberne Fischlein flitzen über den Grund, und immer glühender werden die Farben der Blumen. Dann nimmt mich für ein Stück Weges der ernste Zeisigbusch auf mit seinen Altkiefernkronen.

Weit drüben brüllt ein Auto und entheiligt die Maiennatur mit wüster Staubwolke. Wohlgeborgen in Frische und Saft blicke ich ihm nach – nicht mit den besten Gefühlen! Wohl ist auch eine Staubsäule schön und erhaben, wenn der Sturmwind sie hochtreibt mit sausendem Fittich, aber Menschen sind es hier, die die unschuldig frohe Straße vergiften mit Qualm und Gestank und Gebrüll. Wie wird die Menschheit wohl einmal ihren Frieden machen mit diesem – zugegeben – unvermeidlichen Übel?

Wie ein schlummerndes Kind mit blühenden Wangen liegt Oberrödern dort unter seinen rosig überschäumten Obstbäumen, und immer weiter geht mir die Aue zur Seite mit Pappeln, Eichen und Erlen gleich lauschigen Inseln inmitten.

Und jetzt hinter goldenen Alteichenwipfeln ein Schloß mit Ziegelsteildach und altersgrauen Renaissancegiebeln – Niederrödern, das fürstlich Reußische Gut. Auf hohem Dammweg schreite ich freudig drauf zu, da überrascht mich von rechts her schon wieder ein neuer anmutiger Ausblick – die Dorfkirche mit ihrem reizvollen schieferverschalten Dachreiter lugt hinter den Eichen hervor. Wieviel Lieblichkeit, Schönheit und Größe auf so engem Raum beieinander.

Sturmsicher und fest liegt das alte Wasserschloß hinter Fluß und grünlinsigen Weihern; der schmale Pfad, der jetzt durch diese an den Bau heranführt, war früher sicher noch nicht vorhanden. Mit tiefer Kehle singt der Frosch hier von Lenz und von Liebe.