Aufnahmen vom Verfasser

In lichtgrüner Maiennacht, da sinken gütige Träume auf die alte Erde. Da silbert der Mond alle die trauten Wege und geht an den heimlichen Stegen vorüber, wie man an schlafenden Kindern vorübergeht, um sie nicht zu stören. Es ist im Mondlicht eines Maientages als ob die Jahre und Jahrzehnte rückwärts schritten, und aus alter, lieber Zeit tauchen Bilder auf, die noch nichts wußten von den Sorgen und Nöten unserer Tage. Wo der Urgroßvater die Weinberge harkte und der Herbst sein Mühen mit goldglasigen Trauben lohnte, da kannte man noch nicht die Jagd nach dem Geld, darum eben blicken uns auch die Winzerhäuschen ([Abb. 1]) alle so traulich an, als wollten sie uns gute Gedanken schenken aus alter, längst verklungener Zeit. Ein mächtiger Nußbaum schattet über der Torfahrt und dem kleinen Pförtlein, das uns hineinläßt zu Menschen, die einfach waren und darum ihre Seele reiner hielten. Ja, wenn er erzählen könnte, der alte Baum vor der Tür, ein Leben voll Arbeit, aber auch voll Licht würde dir das Säuseln seiner Blätter künden, die man damals noch als besten Heiltee trank.

Abb. 1. Winzerhaus in der »Finsteren Gasse«

Behaglich blinzeln die Fenster eines anderen Häusleins auf die lichtbesäte Straße, als könnte nie dahinter etwas Böses wohnen ([Abb. 2]). Die Freude an der Arbeit leuchtet aus ihnen wie einst auch aus den Menschenaugen. Unsere Zeit aber hat die reine Freude an der Arbeit vielfach eingebüßt, nur um des Gewinnes willen, in der Fron des Alltags wird sie getan. Das aber prägt sich auch aus in den mürrischen Mienen, den unfrohen Gesichtern, denen das durchsonnte Leuchten beglückender Arbeit fehlt.

Abb. 2. Winzerhaus Lotter, Winzerstraße

Auf den Torpfeilern ruhen oft Steinkugeln, sie mahnen an noch ältere Zeit, wo man die Schädel erschlagener Feinde, dem Thor und Wode geopferter Gefangener, hier aufstellte. Wohl meist unbewußt hält hier der Baumeister einen Rest aus heidnischer Vorzeit fest. Ja, alte Häuser und alte Bäume erzählen oft mehr als manches Geschichtsbuch. Und wenn jener Bergahorn mit seiner Steinbank wird doppelt so stark und breit sein wie jetzt, da haben unter ihm auch Generationen von Kindern ihre unschuldigen Spiele getrieben, da sind auf der Bank noch mehr Schwüre der ewigen Liebe getan und dann gebrochen worden wie jetzt. »Aufrecht geschritten, was frag’ ich noch viel, Leben und Liebe sind Würfelspiel«, so singt ein moderner Dichter, und das Würfelspiel des Lebens macht auch vor den stolzen Herrenhäusern nicht halt! »Bischofspresse« nennt der Volksmund ein Grundstück ([Abb. 3]), wenn auch hier zu unrecht die Größen des einstigen Bistums Meißen mit einem Weinbergsgute in Zusammenhang gebracht werden. In seinem Garten aber träumt ein kleiner Rundtempel von ferner wehmütiger Zeit. Sechs Säulen tragen auf kräftigem Balkenwerk eine Flachkuppel in Sandstein, die hatte einst eine Inschrift: »Uns ward der Tod, den Frevler scheun, Geburt zum ewigen und edlern Leben.« Vor Jahren stand im Tempel eine Urne von Stein auf einem Sockel, der trug die Inschriften: »Wenn hier von uns, die Gott vereint, der letzte auch hat ausgeweint, dann wird ein freudig Wiedersehn auf ewig unser Glück erhöhn.« Und die andere Seite: »Der sehnsuchtsvolle Wunsch der Wiedervereinigung, wo keine Trennung mehr ist, wurde erfüllt den 17. Januar 1820.«

Abb. 3. »Bischofspresse« in Zitschewig