Von Dr.-Ing. Hermann Kuhn, Leipzig

Eigenaufnahmen des Heimatschutzes

Wohl die Mehrzahl von Leipzigs Einwohnern geht tagtäglich gedankenlos an manch altem schönen Baudenkmal früherer Zeiten vorbei, ohne zu wissen, welchen baugeschichtlichen Zusammenhängen oder welchem Manne die betreffende Bauschöpfung ihren Ursprung verdankt. Ich habe es mir zur Aufgabe gestellt, in der vorliegenden Abhandlung eines Mannes zu gedenken, der am Ende des achtzehnten Jahrhunderts lebte und in Leipzig für die Einführung des klassizistischen Baustiles von großer Bedeutung war, des Baudirektors Johann Carl Friedrich Dauthe. – Wie wenigen der Jetztzeit wird dieser Name bekannt sein! Und doch haben wir noch heute in unserer Stadt ein Bauwerk, welches beredtes Zeugnis ablegt für die großen Fähigkeiten jenes Mannes. Es ist dies die jedem Leipziger wohlbekannte Frauenberufsschule in der Schillerstraße, welche als erste Bürgerschule von Dauthe geschaffen wurde. Zweck dieser Zeilen soll es sein, die interessante Entstehungsgeschichte dieses in seiner ursprünglichen Form erhaltenen Gebäudes in kurzen Worten zu skizzieren.

Abb. 1. Frauenberufsschule Leipzig, altes Wappen der Moritzbastion

Nach Abschluß des Hubertusburger Friedens (1763) stellte der damalige regierende Kurfürst von Sachsen die gesamten Festungswerke Leipzigs, die sich während des Siebenjährigen Krieges als völlig ungeeignet und zwecklos erwiesen hatten, dem Rate der Stadt mit der Bedingung zur Verfügung, daß die Festungsanlagen beseitigt und die gewonnenen Plätze »gemeinnützig« gemacht werden sollten. Die Stadt nahm wohl das Anerbieten an, kam jedoch den gestellten Bedingungen aus Geldmangel nur langsam nach. Die festen Basteien blieben zunächst noch bestehen, doch wurde ein großer Teil der Schanzen (»Ravelins«) abgetragen, das Erdreich zur Ausfüllung des Festungsgrabens verwandt, und auf dem so gewonnenen Boden teils Alleen, teils Obst- und Gemüsegärten angelegt. Erst Bürgermeister Müller trat mit Energie für die restlose Erfüllung der vom Kurfürsten gestellten Bedingungen ein. Es waren die Befestigungsanlagen zwischen dem Grimmaischen und Halleschen Tore längs der Stadtmauer, die noch der Umwandlung bedurften; so war auch die alte Moritzbastion an der Südostecke der Stadt noch erhalten geblieben. Um das gewaltige Mauerwerk dieser Anlage sachgemäß auszunutzen, hatte man die Absicht, die Moritzbastion als Untergrund für eine zu errichtende Bürgerschule zu verwenden. Der Gedanke zur Schaffung dieser Schule ist der nimmermüden Regsamkeit des Bürgermeisters Müller zu verdanken. Bereits im Jahre 1792 war auf dessen Betreiben eine Ratsfreischule errichtet worden. Für die arme Stadtbevölkerung Leipzigs war dadurch Sorge getragen, aber auch für die mittleren Volksklassen, die gern ein mäßiges Schulgeld bezahlt hätten, mußte eine öffentliche Schule geschaffen werden. Im Februar 1795 richteten auf Müllers vorherige Anregung hin fünfundzwanzig Leipziger Innungen ein Schreiben an den Rat, worin sie die Bitte aussprachen, der Rat möge ihnen »eine allgemeine Bürgerschule schenken«, in welcher ihre Kinder »gegen ein billiges Schulgeld einen ebenso wohltätigen und zweckmäßigen Unterricht als die armen Kinder in hiesiger Freischule genießen könnten«. Die Stadtbehörde kam der Eingabe wohlwollend entgegen. Mit dem Entwurfe und der Ausführung wurde der damalige Baudirektor der Stadt Leipzig, Dauthe, betraut. Im März 1796 legte er die Pläne zu dem Schulgebäude vor, das auf der Moritzbastei seinen Platz finden sollte, da man dort in dem Mauerwerk der alten Festung den besten Untergrund zu finden hoffte.

Abb. 2. Frauenberufsschule Leipzig, altes Wappen der Moritzbastion (Rekonstruktion nach Gurlitt)

Diese Festungsbastion war in den Jahren 1551 bis 1553 in offener Fünfeckform erbaut worden, und zwar auf Veranlassung des Kurfürsten Moritz, der auch weiterhin die alten Befestigungswerke Leipzigs aufbauen und noch mehrere neue Bastionen dazu errichten ließ. Die Leitung der Bauten lag dem damaligen Bürgermeister Lotter ob. Aus dem ersten Baujahre (1551) existiert ein altes kurfürstliches Wappen an der Spitze der alten Zwingmauer, das heute noch, allerdings stark verwittert, von den Anlagen aus zu sehen ist. Die Festungskeller der Bastion sind mit der Zeit zum großen Teile zugeschüttet worden, nur etwa ein Sechstel der gesamten Kelleranlage ist noch zugänglich. Diese starken äußeren Bastionsmauern bewiesen sich als standhaft zum Aufbau der Schule und sind es auch heute noch, aber das Innere der Bastion bot nicht den Baugrund, den man zu finden hoffte. Man war gezwungen, die nach dem Hofe zu liegenden Umfassungsmauern des Schulgebäudes auf die Gewölbe der Bastion zu setzen. Diese gaben jedoch nach, da außerdem der tiefere Baugrund nicht aus »gewachsenem Boden« bestand, sondern aus den ehemals bei der Ausgrabung des Stadtgrabens hier aufgeschütteten Erdmassen, ein Baugrund, »in dem der Rammel noch bei den längsten Pfählen keinen Halt gefunden«. Man sah sich deshalb veranlaßt, die Gewölbe zu untermauern, nachdem außerdem durch Pfahlroste ein einigermaßen geeigneter Baugrund geschaffen worden war. Trotzdem waren aber späterhin noch des öfteren Reparaturarbeiten an der Gründung nötig. – Die Form der Bastion bedingte eine auch nicht alltägliche Grundrißlösung. Ein Blick auf den Grundriß der Schule zeigt das Festhalten Dauthes an einem damals bereits überholten Baustile[5]. Man könnte meinen, es hier mit einem Bau aus der Rokokozeit zu tun zu haben, während die Fassade dementgegengesetzt das Wiederaufleben des Klassizismus zur Schau trägt. Auffällig und eigentümlich ist die Gestaltung der Aula, die stark an den alten Gewandhauskonzertsaal Dauthes in Form und Abmessung erinnert (rund 11 Meter × 23 Meter). Auch hier in dieser Schulaula zeigt sich wie dort eine gute Akustik; es scheint, als ob der Architekt hierauf ebenfalls großen Wert gelegt hat, denn es sind ähnliche Prinzipien befolgt wie bei jenem Saale.