Abb. 7. Hofansicht der Schule aus heutiger Zeit
Abb. 8. Bürgerschule. Außenansicht der Schule aus dem Jahre 1830
Die genauen Fortschritte des Baues lassen sich aus den Akten nicht feststellen, man kann lediglich die verbrauchten Bausummen hierbei zu Rate ziehn. 1796 war begonnen worden, 1802 war erst ein Drittel der Gesamtanlage äußerlich vollendet. Schuld an der Verzögerung waren die Gründungsarbeiten, die in unvorhergesehenem Maße Zeit und Geld verschlangen. Müller sollte die Vollendung des Baues nicht mehr erleben, da er 1801 verstarb. Mit ihm war der Hauptförderer dahingegangen, was auf dem weiteren Fortgang der Bauarbeiten von wenig gutem Einfluß war. 1803 wurde versuchsweise in dem inzwischen ausgebauten linken Flügel mit dem Unterricht begonnen. Bis 1804 wurde dann noch der Mittelbau fertiggestellt, während die nun folgenden Jahre nur geringen Fortschritt der Bauarbeiten zeigen. Erst Dauthes Nachfolger im Leipziger Bauamte, der Bauinspektor August Wilhelm Kanne, stellte die Schule vollständig bis zum Jahre 1834 fertig. In der Grundrißgestaltung ist deutlich zu erkennen, daß beim Ausbau des rechten Flügels eine andere Architektenhand als bisher gewirkt hat. Bei Dauthe ist ein Festhalten an barocker Grundrißgestaltung unverkennbar, Kanne ist jedoch darauf bedacht, den Grundriß so übersichtlich wie möglich auszubilden: alle Räume sind bei ihm fast durchweg rechteckig gehalten. Im Äußeren mußte sich Kanne an den bereits bestehenden Flügelbau halten und ihn in derselben Weise ausführen. Durch die schlechten Erfahrungen Dauthes über die Gründungen der Hofumfassungsmauern war Kanne gewitzigter geworden; er ließ die darunter befindlichen Keller einfach ausfüllen und gut verstampfen und schaffte sich dadurch einen guten Baugrund, den Dauthe erst nach großer Mühe, durch viele Kosten und dann auch noch unvollkommen erreicht hatte. Gleichzeitig wurden bei dem weiteren Ausbau an den bereits bestehenden Gebäudeteilen verschiedene Ausbesserungen vorgenommen, da sich dort die Gründungsmauern wieder wesentlich im Laufe der Jahre gesenkt hatten. Im Schulhofe ließ Kanne einen Brunnen aufführen, der später wieder weggerissen wurde. Der neuausgebaute Flügel wurde zunächst der Lehrerschaft zur Verfügung gestellt, erst im Jahre 1848 wurde er seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt. Äußerlich vollendet war das Gebäude im Jahre 1826, die inneren Ausbauarbeiten zogen sich jedoch noch längere Zeit hin, so daß die Schule erst 1834 als endlich fertig gelten konnte.
Abb. 9. Heutige Ansicht der Aula
Abb. 10. Die Bürgerschule
Führt heute die Leipziger ihr Weg an diesem Gebäude vorüber, so wird wohl selten jemand bei Anblick der Schule sich bewußt sein, ein baugeschichtlich wertvolles und typisches Beispiel reinsten Klassizismus vor sich zu haben. Es liegt dies wohl daran, daß sich unsere heutigen Begriffe über bauliche Schönheiten in ganz anderen Bahnen bewegen. Sollte aber dennoch dieser oder jener durch meine Ausführungen dazu angeregt werden, sich eingehender mit diesem Baustil zu befassen, so möchte ich es nicht versäumen, auf einige andere Schöpfungen Dauthes hinzuweisen. Man besichtige nur einmal das Innere der Nikolaikirche, um verstehen zu können, daß Dauthe durch diese geniale Arbeit den Ruf eines der bedeutendsten Vertreter des Neu-Klassizismus (des sogenannten Zopfstiles) erlangt hat. Und welchem Leipziger ist es unbekannt, daß dem alten, vor drei Jahrzehnten beseitigten Gewandhauskonzertsaal eine Akustik innewohnte, die der ganzen Welt bekannt und vorbildlich war; wer aber wußte bis heute, daß das Verdienst, diese überragende Anlage geschaffen zu haben, Dauthe gebührt? Wie oft auch eilen wir im Hasten der Großstadt gedankenlos durch Anlagen unserer Stadt, ohne sie einer näheren Würdigung zu unterziehen. Man nehme sich nur einmal die Zeit, unsere Schwanenteichanlage, deren Gestaltung wir ebenfalls Dauthe verdanken, in Muße zu betrachten, und man wird erkennen, welch imposante Schönheit und reizvolle Anmut dieser Promenadenteil bietet. Viele andere Schöpfungen dieses Architekten sind der Zeit zum Opfer gefallen; wer sich restlos mit diesen Dingen zu befassen gedenkt, dem möge mein eingehendes Werk »Leipzigs Bauwesen in der Zeit von Dauthe bis zu Geutebrück« als Wegweiser dienen[6].