Von Dr. Friedrich Schulze

Über einer frühen Ansicht der Stadt Leipzig in Braun und Hogenbergs Städtebuch steht 1572 die kurze schlagwortartige Charakteristik: »Leipzig, eine durch Pflege der Wissenschaft und durch Handel berühmte meißnische Stadt«; in der Universitätsgründungsurkunde Papst Alexanders V. empfing, fast zwei Jahrhunderte früher, nicht nur die Höflichkeit der Einwohner, sondern sogar die liebliche Umgebung des Ortes, mit allerdings gewohnter diplomatischer Schmeichelei, ihren Lobspruch. Der Heimatfreund von heute, der auch die Sachlichkeit liebt, tritt mit bescheidenerem Anspruch auf. Er erkennt, daß zwar die geistig-merkantile Regsamkeit der Leipziger durch die Jahrhunderte geblieben ist; aber er weiß auch, daß der Natur wie den Menschen die lässige Grazie des deutschen Südens fehlt, – den Menschen insbesondere deshalb, weil sie zu sehr vom Arbeitstempo erfaßt werden. Doch wie wir diesen Eigencharakter der Bewohner nicht ändern können, vielleicht nicht einmal missen wollen, so sollte von uns meer- und gebirgshungrigen Großstädtern auch der Reiz unserer Auenlandschaft nicht übersehen werden. Und schließlich: schön oder nicht schön, es ist für uns die Heimat.

Das alte Leipziger Rathaus

Von Dr.-Ing. Hubert Ermisch, Dresden

Aufnahmen des Städtischen Hochbauamtes Leipzig, sowie Eigenaufnahmen des Heimatschutzes

Unter den alten Rathäusern Sachsens ist, wenn man die heutige Grenze als maßgebend ansieht, zweifellos das alte Leipziger Rathaus der bedeutendste und schönste Bau. Bedeutsam, weil er der rechte Vertreter der sächsischen Rathäuser seiner Zeit ist. Typisch die Folge der aufgereihten hohen Dachaufbauten und der mittlere vorgestellte Treppenturm. Und schön muß der Bau genannt werden, weil er bei aller malerischen Freiheit dennoch das schöne Gleichmaß zeigt, weil er, ohne seine Umgebung zu ertöten, dennoch kaum schöner an seinen Platz am Markt hätte gestellt werden können. Das alte Rathaus wurde 1556 von Hieronymus Lotter gebaut. Es entstand in einer Epoche, die in Obersachsen eine Blütezeit für alle Künste und nicht zum wenigsten für die Baukunst war. Hier, wo die Wiege der Reformation stand, war fruchtbarer Boden für die Kunstpflege. Die Reformation gab dem künstlerischen Schaffen, besonders im Kirchenbau, Freiheit und der »nervus rerum« floß reichlich aus dem Bergsegen des Landes, an dem nicht nur der Fürst, sondern in hohem Maße auch alle Städte beteiligt waren. So war für das städtische Bauwesen gute Zeit.

Abb. 1. Gesamtansicht, jetziger Zustand

Es ist bezeichnend für die Epoche der Renaissance, in der alle Welt von künstlerischen Ideen erfüllt war, daß der Architekt des Baues kein zünftiger Maurermeister oder Steinmetz – letztere wurden ja damals im allgemeinen als Architekten genannt – sondern ein kunstliebender und kunstgeübter Kaufherr, der damalige Bürgermeister Hieronymus Lotter war. Ihm zur Seite stand allerdings ein künstlerisch hochbefähigter Steinmetz: Paul Wiedemann. Daß sich in dieser Zeit höchster Bautätigkeit zwei künstlerisch so hochbefähigte Männer zusammenfanden, muß als besonders glücklicher Zufall bezeichnet werden. ([Abb. 1.])