Abb. 2. Rathausturm, durch die Katharinenstraße gesehen

Ich möchte behaupten, daß die wenigsten Leipziger wissen, daß die Front des alten Rathauses einen Knick macht und daß der Turm gar nicht in der Mitte des Baues steht. Ein Beweis, daß der Erbauer das richtige Gefühl gehabt hat, daß diese künstlerische Freiheit erlaubt sei und nicht stören würde. Der Grund ist hinsichtlich des Knickes natürlich kein rein künstlerischer, sondern ein sehr praktischer. Der neue Bau wurde auf vorhandenen Grundmauern errichtet, und zwar stand an der Ecke nach der Grimmaischen Straße zu das kleine alte Rathaus, das uns im Stadtbild von 1547 sehr anschaulich dargestellt wird. Aber auch dies ist schon aus zwei Gebäuden zusammengesetzt gewesen, dem eigentlichen Rathaus und dem Kaufhaus. Zwischen beiden lag eine enge Gasse, das Loch, eine Örtlichkeit, die in alten Urkunden oft vorkommt. Rathaus und Kaufhaus standen nicht genau in einer Front, und als man Ende des 15. Jahrhunderts beide Gebäude zusammenzog und »das Loch« überbaute, blieb der heute noch sichtbare Knick bestehen. Die andere Unregelmäßigkeit des Baues, der seitlich stehende Turm, mag wohl im wesentlichen künstlerische Gründe gehabt haben. Das ganze Marktbild sollte vom Turm aus beherrscht werden, den der Architekt deshalb näher der Mitte der gesamten Marktseite stellte. ([Abb. 2.])

Abb. 3. Rathausturm mit Mittelteil des Rathauses

In einem erhaltenen Schriftstück Lotters, das bei einer Erneuerung des Turmknopfes 1573 von ihm verfaßt und in diesen gelegt wurde, sagt er, er habe 1556 das alte Rathaus lassen einreißen und habe zum Teil die alten Grundmauern und »einiges Mauerwerk zu Hilfe genommen und wie es jetzt steht in neun Monaten« erbaut. Der Bau scheint allerdings riesig rasch vonstatten gegangen zu sein. In einem alten Tagebuch steht, daß die Kaufleute, die zur Ostermesse den Beginn des Neubaues mit angesehen hatten, »über so unverhofften Fortgang fast erstarrt waren«, als sie zur Herbstmesse wieder nach Leipzig kamen.

Abb. 4. Großer Bürgersaal, jetziger Zustand als Museumsraum. An der Abschlußwand der Pfeiferstuhl

Wenn man die alten Abbildungen des Leipziger Rathauses in zeitlicher Folge betrachtet, wird man mit Verwunderung sehen, daß ursprünglich die Erdgeschoßfenster über den Lauben heraussahen, daß zum Haupteingang eine Treppe hinaufführte, kurz, das Gebäude eine größere Höhenentwicklung hatte, wie es heute sich uns zeigt. Das hat auch bestätigt gefunden, wer sich den Oberflächendurchschnitt durch den Markt gelegentlich der Ausgrabung für das unterirdische Marktmeßhaus angesehen hat. Der Markt hat sich allmählich gehoben und das Rathaus versank entsprechend. Hierzu kommt allerdings, daß man die heutigen Lauben wesentlich höher baute, als die ursprünglichen waren.

Abb. 5. Kamin im großen Bürgersaal