Weiter östlich sind es besonders die Gegend von Königswartha und die sich dieser im Norden anschließenden Landschaften der preußischen Oberlausitz, die von jeher volkreiche Brutkolonien unseres Vogels beherbergt haben und sie auch heute noch beherbergen. Bernhardt Hantzsch erwähnt 1903 als noch auf sächsischem Gebiet gelegen eine kleinere, etwa zweihundert Paare umfassende, anscheinend aber nicht lange bestehende und heute nicht mehr vorhandene Kolonie auf dem Commerauer Mühlteich; ich lernte weitere auf den Caßlauer Wiesenteichen und dem Caminauer Altteich kennen, die aber beide 1924 infolge vorgekommener Störungen aufgegeben wurden und von denen die auf den Caßlauer Wiesenteichen in diesem Jahre von mindestens zweihundert Paaren von neuem besiedelt, aber leider ein Opfer von Krähen wurde, die sie fast restlos plünderten. 1924 entstand eine kleine, nur einige wenige Paare umfassende Kolonie auf dem Holschaer Großteich (begründet wohl von Vögeln, die von den Caßlauer Wiesenteichen abgewandert waren), die aber in diesem Jahre meines Wissens nicht wieder besiedelt worden ist.
Die größten Kolonien der Gegend liegen jedoch dicht jenseits der Landesgrenze auf preußischem Gebiet. Es sind die von Koblenz und Klösterlich-Neudorf (bei Wittichenau). Stolz nennt 1911 die bereits 1903 Bernhardt Hantzsch bekannt gewesene Koblenzer Kolonie eine »kleine Siedlung«. Sie muß aber dann sehr schnell volkreicher geworden sein, ging um das Kriegsende aber wieder zurück und stieg danach von neuem langsam an; 1924 konnte ich auf Grund wiederholter Besuche ihren Bestand auf mindestens sechshundert Paare einschätzen. 1925 bot sie sich bei meinem ersten Besuch am 20. Mai viel vogelärmer als im vorhergegangenen Jahre dar, und bei einem weiteren am 30. Mai stellte sie sich als fast restlos vernichtet dar: sie war ein Opfer rücksichtslosester Eierräubereien durch Unbefugte (wohl durch die Belegschaft der nahen Kohlengrube Werminghoff) geworden. Die Neudorfer Kolonie war und ist auch heute noch eine der größeren; ihr Bestand dürfte zeitweilig an tausend (und vielleicht noch mehr) Brutpaare herangekommen sein. Auch sie ging in den letzten Jahren zurück (in dem Maße, wie die Koblenzer Kolonie volkreicher wurde?), nahm aber dann in diesem Jahre wieder (zum Teil wohl durch Zuzug der von den Koblenzer Teichen abgewanderten Vögel) einen neuen Aufschwung und dürfte zuletzt gegen fünfhundert (oder auch etwas mehr) Paare umfaßt haben. Neben diesen größeren Kolonien werden im Schrifttum auch noch einzelne, meist nur wenige Paare umfassende kleinere Kolonien erwähnt, die aber, wie wir dies ja auch schon in anderen Fällen sahen, nie von langem Bestand und einem dauernden Wechsel unterworfen gewesen sind; sie immer mit Sicherheit zu erfassen und zu verzeichnen, ist in dem ausgedehnten, ja so teichreichen Gebiete für den einzelnen Beobachter jedoch nicht leicht.
Im äußersten Osten Sachsens bestanden schließlich früher noch zwei Kolonien bei Großhennersdorf und Burkersdorf, die um 1860 sehr volkreich gewesen sein sollen, später aber abnahmen, und – nachdem 1887 die Nester durch ein Hochwasser zerstört worden waren – 1890 gänzlich erloschen. Auf angrenzendem schlesischem Gebiet endlich begegnen wir im Kreise Görlitz noch drei weiteren Kolonien, nämlich auf dem Sohrteich bei Görlitz, bei Ullersdorf und bei den Spreer Heidehäusern. Die erstere ist seit mehr als hundert Jahren bekannt gewesen, sie soll um 1820 »Hunderte von Paaren« umfaßt haben, ging aber dann in den Jahren von 1910 bis 1913 ein. Die zu Ullersdorf bezeichnete William Baer 1898 als »womöglich noch stärker« als die auf dem Sohrteiche, doch traf auch sie das Schicksal der letzteren, sie erlosch 1920. Dagegen hat aber die, von mir 1923 besuchte, der Spreer Heidehäuser in den letzten Jahren stark gewonnen, Pax bezifferte 1924 ihren Bestand mit sechshundert Paaren eher zu niedrig, als zu hoch.
Wenden wir uns nun kurz noch dem Vorkommen des Vogels auch in Westsachsen zu, so müssen wir feststellen, daß dieser Teil des Landes augenblicklich keine einzige Kolonie mehr aufweist und daß die früher hier vorhanden gewesenen sich niemals auch nur annähernd mit den ostelbischen messen konnten. Eine kleine, nur dreißig bis vierzig Paare umfassende Siedlung bestand 1873 (und nur in diesem Jahre?) auf dem Burkartshainer Teich bei Wurzen, eine andere wird für die achtziger Jahre vom Müncherteiche bei Grimma genannt. Eine ebenfalls nur vorübergehende kleinere, vielleicht bis oder etwas über hundert Paare umfassende Kolonie verzeichnet weiter Hennicke für den Anfang der neunziger Jahre für die Rohrbacher Teiche. Seit Mitte der achtziger Jahre wird ferner das Brüten unseres Vogels von den Frohburg-Eschefelder Teichen erwähnt; die ebenfalls niemals groß gewesene Kolonie erlosch um 1913, obgleich auch in späteren Jahren ab und zu hier nochmals einige Paare gebrütet haben mögen. Die Vögel scheinen sich nach den nahen, auf altenburgischem Gebiete gelegenen Haselbacher Teichen gewendet zu haben, die als Niststätte von Lachmöwen 1889 erstmals erwähnt werden und, mit dazwischen gelegenen Pausen, noch bis in die letzten Jahre einzelnen Paaren des Vogels Nistgelegenheit geboten haben. Schließlich gedenkt auch Richard Heyder des Brutvorkommens weniger Paare während der Jahre 1912 bis 1914 auf dem Großhartmannsdorfer Teich. –
Aufnahme von Rud. Zimmermann
Abb. 3. Lachmöwe auf das Nest gehend (Klösterlich-Neudorf O./L.)
Unsere vorstehenden, kurzen Untersuchungen über die Lachmöwensiedlungen unserer Heimat lassen dabei ganz von selbst die Frage entstehen: »Wie verhält es sich mit dem zahlenmäßigen Bestand unseres Vogels, ist er sich gleich geblieben oder hat er, wie dies so oft behauptet worden ist, und wie ich dies auch selbst – ich betone dies ganz besonders – bisher angenommen habe, eine wesentliche Abnahme erfahren?« Eine alle Zweifel ausschließende Beantwortung derselben ist allerdings nicht ganz leicht, ja, vielleicht überhaupt nicht möglich. Denn uns fehlen dazu aus der Vergangenheit die notwendigen Unterlagen, Untersuchungen und Aufzeichnungen sowohl über die Zahl der ehemals vorhandenen Kolonien – die Zahl der aus dem ostelbischen Gebiet aus der Gegenwart bekannten z. B. ist größer als diejenige der in gewissen Zeiten im Schrifttum der Vergangenheit erwähnten – ebenso wie auch sorgfältige Schätzungen ihres Vogelbestandes. Die letzteren sind fast immer ganz allgemein in den meistens auch heute noch gebrauchten, nichts oder nur wenig sagenden Ausdrücken »einige hundert Paare« oder bei stärkeren Kolonien »tausend Paare,« »über tausend Paare« usw. gehalten. Wenn man nun aber die auf uns überkommenen wenig exakten Angaben etwas kritisch einzuwerten vermag und nie die einzelne Kolonie an sich betrachtet, sondern dabei das Gesamtvorkommen des Vogels in dem unseren Untersuchungen zugrunde liegenden Gebiete im Auge behält, wenn man ferner aus den Verhältnissen der Gegenwart unvoreingenommene Schlüsse zu ziehen imstande ist, und schließlich die Kolonien selbst auch kennt und den unseren Vögeln im Gebiete zur Verfügung stehenden Lebensraum berücksichtigt, so kommt man zu dem Schluß, daß eine wirklich erhebliche Abnahme im Bestand der Lachmöwe in unserem Gebiete sich nicht nachweisen läßt und daß eine solche Abnahme auch gar nicht wahrscheinlich ist. Wir sehen zwar Kolonien verschwinden, an ihrer Stelle aber auch immer wieder neue entstehen oder bereits vorhandene volkreicher werden. Erinnert sei hier nur an das erste Erlöschen der Dippelsdorfer Kolonie in den sechziger Jahren, an das sich, wenn meine Nachforschungen an Ort und Stelle nicht trügen, höchst wahrscheinlich die Entstehung der Adelsdorfer Kolonie knüpft, erinnert an das Eingehen auch der späteren Dippelsdorfer Kolonie, das die Entstehung oder zum mindesten ein gewaltiges Aufblühen der heute so großen und wirklich prächtigen Freitelsdorfer Kolonie zur Folge hatte und deren wahrscheinliche (immerhin dann aber nur geringere) Abnahme in diesem Jahre mit einem kaum geahnten Anwachsen der fast zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken gewesenen Adelsdorfer Kolonie verknüpft ist. Die oben erwähnte Abnahme auch der Neudorfer Kolonie in den letzten Jahren spiegelt sich wahrscheinlich in der gleichzeitigen Zunahme der Koblenzer Kolonie wieder, das Eingehen der Kolonien auf den Caßlauer Wiesen- und dem Caminauer Altteich 1924 drückt sich wiederum in der Stärke der Koblenzer Kolonie im gleichen Jahre aus, die die des vorhergegangenen um ein ganz erhebliches übertraf, und die Vernichtung der Koblenzer Kolonie in diesem Jahre hatte, wie sich von den im Gebiete regelmäßig anwesenden Beobachter leicht verfolgen ließ, die Wiederbesiedlung der Caßlauer Wiesenteiche und eine deutlich zum Ausdruck kommende Bestandszunahme der Neudorfer Kolonie zur Folge. – Man hat bisher nur immer das Verschwinden einer Kolonie als Verlust gebucht, aber selten auch die Entstehung neuer oder das Aufblühen bereits bestehender auf der Gewinnseite eingetragen.
Aufnahme von Rud. Zimmermann