Abb. 4. Brütende Lachmöwe (Klösterlich-Neudorf O./L.)

Die Lachmöwe hat oft etwas zigeunerhaftes an sich; sie liebt den Wechsel, der sich besonders im Entstehen und Wiederverschwinden der kleineren Kolonien ausdrückt. Aber auch die Art der Teichbewirtschaftung ist von großem Einfluß auf die einzelnen Kolonien, ihren zeitlichen Bestand und ihre Stärke; das Eingehen der Dippelsdorfer Kolonie gegen Kriegsende z. B. scheint mit der durch den Krieg bedingten größeren Rohrnutzung in unmittelbarem Zusammenhang zu stehen. Daß schließlich auch wilde Eierräubereien, wie wir sie in dem Koblenzer Beispiel kennen lernten, Kolonien gefährden können und gefährden müssen, bedarf wohl kaum eines besonderen Hinweises, dies zeigt uns deutlich ja das eben erwähnte Beispiel. In diesem Falle haben sich die Schädigungen lediglich örtlich ausgewirkt: sie veranlaßten die von den Plünderungen betroffenen Vögel lediglich zur Abwanderung nach Teichgebieten in der unmittelbaren Nachbarschaft, würden aber wohl bestimmt das Verschwinden der Vögel im Gebiet überhaupt zur Folge gehabt haben, wenn dieses infolge seines Teichreichtums ihnen eben nicht die Möglichkeit der Ansiedlung an anderen, weniger gefährdeten Stellen geboten hätte. Die Vögel würden und müßten gänzlich verschwinden, wenn ähnliche rücksichtslose Nestplünderungen wie sie 1925 in fast ohne weiteres Beispiel dastehender Weise die Koblenzer Kolonie betroffen haben, auch die übrigen treffen würde. Hoffen wir daher, daß dieser Fall trotz vieler Ansätze dazu (die Freitelsdorfer Kolonie z. B. leidet ebenfalls stark unter Eierräubereien durch Unbefugte) niemals eintreten und daß es uns allmählich gelingen möchte, die heute eingerissene, aus einem falschen Freiheitsbegriff entstandene Zügellosigkeit einzudämmen und die Massen wieder zur Achtung der heimatlichen Landschaft und ihrer hohen Werte zu erziehen!

Aus den Tagen der Kurfürstlichen und Königlich Sächsischen Post, 1770 bis 1865

Unter diesem Titel sind zwölf überaus reizvolle farbige Bilder von dem im Jahre 1917 verstorbenen Herrn Geh. Postrat Karl Thieme in Dresden aus Anlaß des Sachsentages im Juli 1914 erstmalig herausgegeben worden. Den Druck dieser schönen Bilder, deren Originale zum größten Teil von dem im Jahre 1922 im hochbetagten Alter verstorbenen Hofrat und Kustos der Gemäldegalerie Gustav Otto Müller stammen, hat die Lehmannsche Buchdruckerei in Dresden in vorzüglicher Weise ausgeführt[2].

Die jeder Serie beigelegten Erläuterungen machen diese Bilder jedem Heimatfreund besonders wertvoll.

Wir bringen hier eine Wiedergabe des zwölften Bildes, das vom genannten Herausgeber in sinniger Weise mit den Worten »Das Lied ist aus« bezeichnet ist.

Der weltbekannte, im Jahre 1793 eingerichtete und nach dem Kaiser Franz I. benannte Kurort Franzensbad, von dessen »Sauerbrunnen bei Eger« wir seit 1542 einen gedruckten Nachweis besitzen, dessen Bäder aber erst im 17. Jahrhundert benutzt wurden, hatte bis 1865 noch keine Eisenbahn.

Alljährlich strömten viele Hunderte von Patienten den kräftigen Quellen von Franzensbad zu. Nachdem die letzten Stationen der Sächsischen und Bayrischen Bahnlinien von den Reisenden verlassen worden waren, benutzten sie den schnellen Eilpostwagen oder die teure Extrapost, um ihr Ziel zu erreichen. Die meisten Kurgäste konnten sich diese Mehrausgabe schon leisten und erfreuten oft genug den schmucken Postillion, der unterwegs seine besten Stücke blies, mit einem Extratrinkgeld.

Da gab es bei dem Kaiserlich-Königlichen Postamt zu Franzensbad ein buntes Gedränge von Österreichischen, Bayrischen und Sächsischen Postillionen, die in guter Kameradschaft miteinander lebten und sich gern ein gutes Schöppchen gönnten. Auf unserem Bilde erblicken wir drei solche brave Ritter vom steifen Stiefel. Ach, in den Becher ihrer Daseinsfreude fällt ein bitterer Tropfen banger Beklemmung, als sie den ersten Wagenzug auf der neuen Eisenbahn heranbrausen sehen. So viele Passagiere schleppt das eiserne Ungetüm heran, so viel »honorige« Passagiere, die kaum in zwanzig Extrapostkutschen Platz hätten. Wo bleiben wir armen Postillione? ist wohl ihre sorgenvolle Frage. Der lebhafte Österreicher fuchtelt grimmig mit den Händen, als möchte er am liebsten die heimtückische, fauchende Lokomotive von den Schienen herunterstoßen, der betrübte Sachse vergißt ganz und gar den tröstlichen Schoppen, den er in der Linken hält. Das treffliche österreichische Bier kommt ihm heute gallenbitter vor. Am meisten erregt unsere Teilnahme der brave alte Bayer, der in seinem einfachen blauen Stallkamisol auf dem Bänkchen vor dem Posthause sitzt. Hätte er, wie die beiden anderen Kameraden, auch seine Galauniform an, so könnten wir seine schmucke Erscheinung bewundern, denn die bayrische Postverwaltung hat in der geschmackvollen Ausstaffierung ihrer Postillione immer etwas los gehabt.