»Der braucht die weite Welt nicht, der in einem bescheidenen Tale glücklich zu sein versteht. Merke das, Kind!«

»Betrachte denkend und fühlend deine Heimatstadt! Von den niedrigen Häusern in unebenen Gassen weht der Hauch langer Jahrhunderte. Der Schauer des Vergänglichen faßt dich an, aber ebenso hörst du wohl die fröhliche Melodie gewesener Zeiten. Manche Pforte, manch verwittertes Gemäuer ist ein Erinnerungsmal, das ohne Schrift viel Wundersames erzählt. Die Geschichte setzt so selbst ihre Grabsteine. – Der Rathausturm ist ein Wächter, der mit seinem Zyklopenauge groß über die Stadt schaut. Unbeirrbar und ewig wie die Zeit. Die Blumen aber, die jetzt die Fenster des Rathauses bunt bekränzen, die werden dir, wenn du einst in der Ferne weilst, kaum aus dem Sinn kommen.«

»Und was deine Vorfahren vor dir gedacht und geehrt, schmähe es nicht! Alles Vergangene ist heilig. Worüber du heute achtlos hinweggehst, das wird dir einst als ein Stück Heimat mahnend heraufsteigen. Unser Geist führt vorwärts. Aber alles, was da war, gleicht einem alten vergilbten Blatte, worauf die Träne einer vereinsamten Mutter fiel.«

»Schau dir die Brücke an, die deinen Heimatfluß überwölbt! Was wandert nicht alles darüber! Der Schritt der Menschen ist bald hart und zornig, bald fröhlich-beeilt, bald auch grausam-beschwert von einem heimlichen Leide. – Wer weiß, wie du einmal hinauswandern wirst – über die alte Brücke deiner Heimat?«

»Draußen, als einen stillen, erhebenden Platz, findest du den Garten der Kreuze. Kaum ein Friedhof liegt so schön, wie der deiner Heimatstadt. Wenn du den breiten Weg aufwärts gehst, durch viele Blumen, die den Gedanken an das Leben wachzuhalten suchen, dann ruht ein vergessener Hügel vor dir: ein Muttergrab, ein heilig Grab! So sprach ein Dichter. Ich sehe, wie du dir nach dem Herzen greifst, ich weiß, welch ernster Schwur sich in deiner Brust losringt, und ich weiß auch, wem der gilt.«

»Wenn der Mai uns seine ersten Morgen schenkt, und du willst seinen zarten Duft erhaschen, gehe in den Wald deiner Heimat. Über dir rauschen die Fichten, weiße Birken stehen verschämt dazwischen, und die tiefe Feier ringsum! Du empfindest den Rhythmus aller Wesen um dich, der Pflanzen und der Tiere, du atmest ihn mit, fühlst dich in den großen Kreis der Schöpfung eingeschlossen als ein bedeutungsvolles, lebensfrohes Glied. Ist’s nicht, als seien die Bäume deine Brüder und die lieben Blumen deine Schwestern?«

»Im Frühling klingt’s aus den Bäumen. Es sind der Stimmen unzählige, die lobsingen. Dir gelingt es vielleicht, an ein Rotkehlchen heranzukommen, wenn es auf einem knospenden Strauchwerke sitzt. Zwei Schritte von ihm. Und es singt und jubelt immerfort. Tiefdunkel glänzen die kleinen Augen, klug und rein, die rote Brust hebt sich hastig ungezählte Male. Fühlst du, wie froh alle Schöpfung ist? Lerne froh sein von ihm!«

»Mache das Herz dir frei, mühefrei! Auf den Bergen wehen mit der reineren Luft bessere Gedanken um dich. – Stelle dich auf einen nahen Berg, sieh, wie der Sonne versinkender Ball seine letzte Glut das Heimattal entlangwirft. Und du fühlst auf einmal deinen Heimatfluß als lebendes Wesen, das wie ein müder Wanderer sich der Sonne nachschleppt. – Abend, Feierabend. Fern ist ein Kirchlein vom letzten Strahl beleuchtet, es scheint aus einem Bilderbogen herausgeschnitten. Vor dir thront ein zerrissener Fels, stolz und breit, wie eine sagenhafte Burg. Aus einer Buche Geäst weint die Drossel ein Lied. Die Sonne sehnt sich zurück. Hab’ du auch Sehnsucht zur Sonne!«

»Suche dir, schaffe dir in deiner Heimat einen Lieblingsort. Dort bettest du dich mit deinen Gedanken vor dem Lärm des Tages und der Welt. Dort bist du eine stille Weile lang mit dem Geistesleben, das durch die Natur rauscht, verwachsen. – Lerne auch hier! Das Blühen und Werden der Natur ist Äußerung der Kraft. Nur wer Kraft entwickelt, lebt! Nur wer Kraft entwickelt, hat Anspruch an das Leben! Nur wer Kraft entwickelt, hinterläßt Spuren seiner Persönlichkeit und hat darum nicht umsonst gerungen! Alle anderen sind Schwächlinge. – Doch sieh noch einmal das liebe Tal! Drüben die weiten Fichtenwälder. Ein Streifen dunkler Kiefern läuft zum Tal herunter, so daß es dem Rückgrat eines ungeheuren Urwelttieres gleicht. Sieh noch einmal um dich! Ach, vielleicht vergraben sich deine heißen Hände in die frisch aufgeworfene Erde, du drückst eine feuchte Scholle, die Frische der Erde durchrieselt deinen Körper, Kraft der Erde durchflutet dich, du fühlst und erkennst es: Heimat!«

»Wenn du aus der Heimat auch gehst, nimm sie im Herzen mit! Auch die Heimat ist deine Mutter. Und wer wollte seine Mutter vergessen?«