Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern herausgegeben
Abgeschlossen am 30. September 1925
Otto Eduard Schmidt[1]
Der deutsche Touristendampfer liegt im grünen Hafen Spitzbergens vor Anker. Seine Fahrgäste kommen eben in langer Bootsreihe von einem Ausfluge zurück. Da löst sich von der Funkenstation ein Motorboot und fährt den Heimkehrenden entgegen. Zwei junge Leute sind darin, die sich mit lautem Zuruf als Deutsche vorstellen. Sie bekunden ihre Freude über diese Begegnung mit Landsleuten so geräuschvoll und übermütig, daß es dem feiner Empfindenden beinahe etwas weh tut, daß er meint, einen tragischen Unterton heraushören zu müssen. Handelt es sich hier vielleicht um das Erlebnis, das in besonderem Sinne gerade für den Deutschen in Anspruch genommen werden muß; um das Erlebnis des verlorenen Sohnes, der erst in der Fremde merkt, was die Heimat für ihn bedeutet? Wir Deutsche sind im ganzen noch immer nicht so weit, daß wir Volk und Vaterland unmittelbar als ersten Wert unseres Weltbürgertums erfaßten. Wir haben die Männer bitter nötig, die uns auf dem strengen Wege des Beobachtens und Erkennens zur rechten Liebe und Begeisterung für unser Volkstum emporführen. Einem von ihnen aus warmem Herzen für solche Arbeit zu danken, die er auf den verschiedensten Gebieten seines öffentlichen Wirkens, auch als treuer Mitarbeiter dieser Zeitschrift getan hat, gibt uns sein siebzigster Geburtstag die ersehnte Gelegenheit. Wir wollen versuchen, seine Art und seine Tat mit bescheidenem Worte zu erfassen.
Otto Eduard Schmidt ist ein Sohn des Vogtlands. Am 21. August 1855 wurde er in Reichenbach als Sohn des Kantors der Stadt geboren. Sich selbst zu verstehen aus dem Zusammenhang mit der Familie und mit der Landschaft, in die sie ihre Wurzeln geschlagen hatte, ist ihm immer ein wichtiges und fruchtbares Unternehmen gewesen. Er hat der Parole: Kümmere dich um die Geschichte deiner Familie, nachgehandelt, noch ehe sie ein so erfreuliches Echo gefunden hatte, wie das jetzt besonders auch in dem jüngeren Geschlecht geschehen ist. Wir hörten neulich einen berühmten Hygieniker sagen, der Mensch könne in seinem Leben das Schwerste ertragen, der eine glückliche Kindheit gehabt habe. O. E. Schmidt ist eine solche Kindheit beschieden gewesen, und er hat sie nicht nur als Erinnerungsstoff zu reizvoller Erzählung gestaltet, aus ihr hat er auch immer richtige Kräfte geschöpft, wie sie das Leben zu meistern vermögen. Dem Unterrichte des eigenen Vaters, der Realschule seiner Vaterstadt, die damals gerade im ersten Aufblühen war, dankt er die feste Grundlage seiner weiteren Ausbildung. Auf ihr konnte die Kreuzschule in Dresden den gymnasialen Abschluß in einer kürzeren Reihe von Jahren aufbauen, als ursprünglich möglich schien. Der »arme Kantorsgung«, dessen schmalen Geldbeutel die Fabrikantensöhne von Reichenbach bespöttelten, ist zu einem Manne geworden, der aus dem Schatz seines Geistes und Gemüts viele reich gemacht hat. Aber auch äußerlich hat sein Leben einen bedeutsamen Aufstieg zu Führung und Geltung gewonnen. Aus dem philologischen und historischen Studium an der Universität Leipzig erwuchs eine Doktordissertation, die der Professor Ludwig Lange angeregt, und mit der er dem jungen Gelehrten den Weg in eine zwanzigjährige wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Todeskampfe der römischen Republik gewiesen hatte. Aus diesem Studium erwuchs ein Staatsexamen, das O. E. Schmidt den Zugang zum höheren Schuldienst Sachsens öffnete. Es liegt uns daran, diese Seite seiner Lebensarbeit zu betonen, damit sie ja nicht hinter der schriftstellerischen zurücktritt. Er hat es eben fertiggebracht, als Lehrer und Schulleiter ganz seinen Mann zu stellen und zugleich in unbeirrbarem Fleiß und unbeugsamer Willenskraft den Weg des Forschers und Volkserziehers zu verfolgen. Vier Stätten teilen sich in seine amtliche Wirksamkeit. Das Staatsgymnasium in Dresden-Neustadt, das für ihn wie für manchen anderen immer mit dem Zauber der ersten Liebe zum Beruf umwoben blieb. Die Fürstenschule zu St. Afra in Meißen, in deren Lebensbereich zu gehören bei Lehrern wie Schülern gesunderweise immer ein gewisses Hochgefühl weckt. Das Wurzener Gymnasium und das Albertinum in Freiberg hat er dann als Rektor geleitet. Schon dieser Anstieg zeigt, daß ihm die Anerkennung der obersten Schulverwaltung nicht gefehlt hat. Aber auch die unüberbietbar köstliche Frucht schulmeisterlichen Strebens ist ihm gereift, die dankbare Treue der Mitarbeiter und der Schüler. In Grubes biographischen Miniaturbildern, deren achte Auflage O. E. Schmidt bearbeitet hat, erzählt er in einer der fünfundzwanzig von ihm neu geschaffenen Lebensbeschreibungen von dem Renaissance-Pädagogen Vittorino da Feltre. Wenn da vom Lehrer die doppelte Kunst des Belehrens und Erziehens verlangt, wenn die körperliche Ausbildung als wichtig neben die geistige gestellt, wenn die Freude des Lehrers am fröhlichen Spiel der Jungen geschildert wird, wenn wir den Erzieher bemüht sehen, Schädlinge von ihnen fern zu halten, einfache Sitten und fromme Beugung unter den Willen Gottes zum tragenden Gerüst ihres Lebens zu machen, dann sind das wohl Erziehungsgrundsätze, die dem Erzähler bei seinem eigenen Lehrerwirken den Weg gewiesen haben.
Über die Grenzen dieser Dienste, die dem sächsischen Schulwesen geleistet sind, gehen die Wirkungen hinaus, die O. E. Schmidt mit seinen Büchern hervorgerufen hat. Als der kursächsische Streifzügler ist er wohl dem deutschen Lesepublikum am vertrautesten geworden. Wir bilden diesen Ausdruck, um einen doppelten Irrtum zurückzuweisen, der entstehen könnte. Er klingt an die Streifkorps und Nachzügler an, die in wilden Kriegszeiten das Land durchschwärmen; die fahren daher und nehmen, was sie erwischen können, und im nächsten Augenblick sind sie flüchtig davon. Nichts von solcher rauhen, oberflächlichen, effekthaschenden Art, wie sie durch den kriegerischen Vergleich etwa anschaulich wird, ist der Schriftstellerei O. E. Schmidts eigen. Und ihr Stoffgebiet ist weiter als das Gebiet von Kursachsen. Das hohe Lied der Heimat ist eine Blüte am Baum seines Schaffens, sie fällt vielen ins Auge und wird von vielen genossen. Aber wir dürfen Stamm und Wurzel nicht vergessen, die ihr erst die Möglichkeit zum Aufblühen gaben.
Äußerlich angesehen scheiden sich O. E. Schmidts Schriften in zwei Gruppen. Da ist einmal, was er über die römische Antike, besonders über Cicero und seine Zeit, und dann, was er zur Geschichte und Landeskunde Sachsens und früherer sächsischer Gebiete geschrieben hat. Etwa bis 1900 steht das Altertum im Brennpunkt seiner Studien. In eindringender Kleinarbeit sucht er den richtigen Wortlaut der Briefe Ciceros und die Zeit ihrer Abfassung festzustellen. So schafft er aus Hunderten von wissenschaftlich gesicherten Einzelbelegen den Grund, auf dem er dann ein lebendiges Bild von der Persönlichkeit Ciceros im Rahmen der Kulturentwicklung, in die es hineingehört, aufrichten kann. Das geschieht in dem Hauptwerk dieser ersten schöpferischen Periode »Der Briefwechsel des Marcus Tullius Cicero, von seinem Proconsulat in Cilicien bis zur Ermordung Caesars«. O. E. Schmidt hat sich darüber freuen dürfen, daß die Bewertung Ciceros, und überhaupt die Forschungen, die in diesem Buche niedergelegt sind, immer allgemeiner von der Wissenschaft angenommen und noch zuletzt von Eduard Meyer in seinem Werke über Caesar und die Begründung der Monarchie als grundlegend anerkannt worden sind. Wir sehen übrigens den Deuter der ciceronianischen Zeit zur ersten Liebe seiner wissenschaftlichen Arbeiten zurückkehren. Seit ihm 1919 die Pflichten seines Amtes abgebürdet worden sind – von einem Ruhestand kann bei O. E. Schmidt wirklich nicht die Rede sein – hat er eine durchgreifende Neubearbeitung von Wägners Rom vollendet. Schon mit der neunten Auflage von 1912 hatte er dieses Buch zu seiner Gesamtdarstellung der römischen Geschichte umgestaltet; eine andere, noch ausführlichere, liegt in dem zweiten Bande von Spamers Weltgeschichte vor.
Zwischen diesem ersten Frühling aber und seinem Johannistrieb im siebenten Jahrzehnt keimt eine neue große Liebe auf. Seit der Jahrhundertwende verblaßt die heroische Linie der Landschaft Mittelitaliens und die kürzere, anmutigere Linie mitteldeutscher Gegend prägt sich schärfer aus. 1902 erscheint der erste Band der kursächsischen Streifzüge. Ihm sind vier andere gefolgt, die heute wohl fast alle in bereicherter Auflage vorliegen. Und auch die andere schriftstellerische Tätigkeit O. E. Schmidts, ob sie nun in großen Werken wissenschaftlicher Art oder in Büchern und Aufsätzen für den deutschen Leser Gestalt gewinnt, wendet sich der Heimat zu. Es ist uns nicht bekannt, was für ein äußerer Anstoß etwa diese neue Wendung ausgelöst haben mag. Nach ihrem inneren Gesetz erscheint sie uns aber als eine notwendige Folge aus der Anlage des Autors. Ein Mann, dem es gegeben ist, Leben zu erschauen und zu erfassen, der den Trieb spürt, die geschichtlichen Wurzeln dieses Lebens bloßzulegen, muß schließlich einmal auf das Leben stoßen, das ihm äußerlich und innerlich am nächsten ist, auf das Leben der Heimat. Dabei darf dies nicht vergessen werden: Heute ist die Heimatschriftstellerei die große Mode, auch Wanderberichte und Reiseeindrücke sehr bescheidener Art werden von ihrer Welle ins Publikum getragen; O. E. Schmidt hatte seinerzeit mit Staunen und Befremden zu kämpfen, er mußte die Leser erst erziehen für die gute Kost, die er ihnen brachte.
Es kann nicht unsere Aufgabe sein, das reiche Schrifttum dieser zweiten Schaffensperiode ebensowenig wie das der ersten in seinem ganzen Umfange zu würdigen. Für beides fehlt uns Sachkenntnis und Raum. Wir können nur versuchen, ein paar Züge hervorzuheben, die ihm gemeinsam und eigentümlich zu sein scheinen.