Hinter der Darstellung steht bei O. E. Schmidt immer ein gründliches Studium und eine sorgfältige Bewertung der Quellen. In der philologischen Arbeit an dem antiken Stoff hat er sich diese strenge Arbeitsweise angeeignet. Aber er bleibt nie im Kleinen und Einzelnen stecken. Er hat die Gabe entfaltet, in die vergangene Zeit sich so einzuleben, daß er sie auch anderen lebendig machen kann. Man lese etwa das Werk »Minister Graf Brühl und Karl Heinrich von Heinecken«, das als Band XXV unter den Schriften der Sächsischen Kommission für Geschichte 1921 herausgekommen ist. Da lernen wir sie alle kennen, die Helfershelfer des Verbrechers auf dem Ministersessel, vom Kammerherrn bis zum Kammerdiener, und seine Gegner, vom König bis zum Oberhofprediger. Gelegentlich muß der Herausgeber zu einem der Namen, die in den abgedruckten Briefen vorkommen, Anmerkungen machen wie diese: »Die Person des Professors Richter konnte ich nicht näher bestimmen.« Dann sehen wir zwischen diesen Worten ordentlich ein Schweißtröpfchen glänzen, das von der angewandten Mühe erzählt, und hören einen leisen Seufzer darüber, daß sie vergeblich gewesen ist. Bei all dieser Genauigkeit im einzelnen gibt doch das ganze Buch ein Bild von dem todkranken Rokoko, wie es nicht anschaulicher gedacht werden kann. Auch auf die kursächsischen Streifzüge hat ihr Verfasser nicht ein beliebiges Reisehandbuch zu gelegentlichem Nachschlagen mitgenommen, sondern das ganze Rüstzeug der Urkundenkenntnis für die Geschichte, die der durchwanderten Landschaft ihre Spuren aufgeprägt hat. Wir erinnern uns an die Jahre, wo wir in Dresden freundnachbarlich mit O. E. Schmidt verkehrten, der bereits nach Meißen übergesiedelt war. An einem bestimmten Wochentage konnte man ihn stets in der Hauptstadt treffen, denn da kam er trotz aller Belastung mit den Schulpflichten herüber, um im Staatsarchiv zu arbeiten. Den Leser, dem nun die aus solchen Mühen entstandenen Schriften so leicht und angenehm eingehen, möchte man doch auch daran erinnern, daß O. E. Schmidt nicht eigentlich eine sogenannte flüssige Feder hat, daß er vielmehr auch an die Formgebung seiner Gedanken viel feilende Sorgfalt wenden muß. Das Ziel seiner forschenden Teilnahme sind Männer, deren Charakterbild in der Geschichte schwankt. Ihnen zu einer gerechteren Beurteilung bei der Nachwelt zu verhelfen, gewisse eingewurzelte Vorurteile der Geschichtsbetrachtung zu zerstreuen, ist ihm ein wichtiges Anliegen. Wir denken etwa an die Rettungen, die für Lessings Berliner Schriftstellerei kennzeichnend sind. Als O. E. Schmidt über Cicero zu schreiben begann, herrschte das Urteil Mommsens über den Arpinaten. Er durfte seinen Helden aus diesem Schatten heraus in ein günstigeres Licht rücken. In dem Buche »Fouqué, Apel, Miltitz, Beiträge zur Geschichte der deutschen Romantik«, wird einmal Fouqués Dichterruhm gegen mancherlei Verkennung sichergestellt und dann wird an dem Scharfenberger Kreis gezeigt, daß auch in dem weichen Klima der Romantik Männer ihren Wirklichkeitssinn und ihre Tatkraft sich bewahren konnten. Auch eine geschichtliche Gestalt, wie der Minister Brühl, ist nicht einfach mit einem Freispruch oder einer Verurteilung abgetan. O. E. Schmidt läßt seine falsche Politik und den Mißbrauch, den er mit seiner Amtsgewalt und mit dem Vertrauen seines Fürsten getrieben hat, scharf hervortreten, aber läßt uns doch auch in der ästhetischen Kraft seiner Prachtliebe und in seiner wirtschaftlichen Erfindungsgabe eine gewisse Genialität ahnen. Auf der anderen Seite sehen wir den großen Gegner Brühls, Friedrich II., im berechtigten Kampfe gegen das unbequeme Sachsen doch auch so kleine Mittel nicht verschmähen, wie es der Eingriff in den Privatbesitz des Ministers eines ist. In einer anderen Veröffentlichung der Sächsischen Kommission für Geschichte, sie heißt: »Aus der Zeit der Freiheitskriege und des Wiener Kongresses. Siebenundachtzig ungedruckte Briefe und Urkunden aus sächsischen Adelsarchiven«, verteidigt O. E. Schmidt Sachsen gegen den Vorwurf, daß es 1813 auf der falschen Seite gestanden habe. Er macht uns eine Reihe führender Männer bekannt, die mit Kraft und Wirkung den vaterländischen Gedanken des Befreiungskampfes in Sachsen vertreten haben. Daß sie damit nicht zur rechten Zeit durchdrangen, daß sie dann die drohende Zerstückelung Sachsens nicht verhindern konnten, war nicht ihre Schuld. Was er anderen anschaulich machen will, das sieht er sich nach Möglichkeit mit eigenen Augen an. Er weiß, daß die Vergangenheit nicht nur auf Urkunden von Pergament und von Papier sich niedergeschlagen hat, daß vielmehr fernes Leben in Mauerwerk und Stein, in alten Sitten und Bräuchen, in Werken der Kunst und in der Sprache aufzuspüren ist. Vor allem hat es sich ihm als fruchtbar erwiesen, einen Menschen zu verstehen, zu erklären aus dem Gehäuse, das er seinem Dasein gab. Darum ging er nach Italien und suchte die Stätten auf, wo Ciceros Villen standen; so wurde ihm der Briefschreiber lebendig, der im Tablinum dieser Villen gesonnen und geschrieben hatte. Wir freuen uns mit dem rüstigen Siebziger, daß nun die Schranken böser Zeiten gefallen und der Weg zu neuen Südlandsfahrten offen steht. Die Wurzeln dieser schönen Rüstigkeit, der ungetrübten Wanderfreude auch im Alter, liegen doch darin, daß er den Wandertrieb, der schon im Knaben fröhlich aufwachte, so folgerichtig durch ein ganzes Leben gepflegt hat. Was hier ein Handwerksbrauch, dort ein Mittel der Entspannung, was gesellschaftliche Veranstaltung, was Mode, Parteisymbol sogar geworden ist, das Wandern, er hat es zur Kunst entfaltet. Er ist ein Mann, der suchen kann, der aber auch zu finden versteht; ein Mann, der sehen kann, aber auch anderen die Augen zu öffnen vermag. Gewiß reden die Steine; es ist aber doch reizvoller und förderlicher, wenn O. E. Schmidt neben das alte, schöne Tor, neben den zerfallenen Turm tritt und ihre Sprache deutet. Wir hätten den einzigartigen Blick auf Dom und Albrechtsburg nie genossen, wenn er uns nicht zu dem Bodenfenster seiner Meißner Amtswohnung hinaufgeführt hätte, von dem aus sich der Blick erschloß. Was haben seine Wandergefährten für Erquickung und Gewinn gehabt, was auch der gelegentliche Besucher, den er nach ernstem Gespräche durch eine der Mittelstädte seines amtlichen Wirkens führte – sie hat im Bädeker keinen Stern – ihm durch Anschauung alter Baudenkmäler neue Erkenntnisse aufschloß und das Gleichgewicht seines Gemüts zurückgab. Immer hat der kursächsische Wandersmann auch den Leuten aufs Maul gesehen. Aus ihrer Sprache hat er das Wesen der deutschen Stämme, denen seine besondere Aufmerksamkeit galt, und ihre Geschichte aufgeleuchtet. Seine Ausführungen über die sächsischen Dialekte sind ein wirksames Mittel gegen die Vergiftung, die gewisse Dialektdichtungen im Bliemchenstil bei den anderen deutschen Stämmen hervorgerufen haben; eine Vergiftung des Gemüts, die mit einem mitleidig-verächtlichen Lächeln auf alles Sächsische glaubt reagieren zu dürfen.

Die Stärke O. E. Schmidts liegt nicht in der beweisenden Gedankenführung, in der Zusammenfassung philosophischer Höhenschau. Ihm kommt es immer auf das Anschauen des Lebens und seine getreue Wiedergabe im schriftstellerischen Bild an. Wir begreifen, wie stark das deutsche Schicksal der Jahre 1914/18 auf ihn wirken mußte. Dazu kam der Auftrag des sächsischen Königs, die Taten der Sachsen im Weltkriege zu schildern. Dieses Unternehmen vorzubereiten, ist er dreimal zu längerem Aufenthalt an die Front geschickt worden. Ein weitschichtiger Briefwechsel mit Kriegsteilnehmern und persönlicher Gedankenaustausch mit den militärischen Führern hat sich angeschlossen. Als ersten Ertrag bekamen wir 1915 das Büchlein »Eine Fahrt zu den Sachsen an die Front«. Dem mit unendlicher Mühe fertiggestellten Hauptwerke versperrte die Zensur den Weg in die Öffentlichkeit. Wir getrösten uns der kommenden Zeit, wo einmal die Staatsleitung und die Staatsbürger in gleicher Weise dieses Denkmal kriegerischer Leistung werden unbefangen werten können.

Am Anfang des vierten Bandes der Kursächsischen Streifzüge stellt O. E. Schmidt in einer Vision Jean Paul sich gegenüber und bezeugt dankbar den Einfluß, den er von ihm erfahren hat. Es besteht zwischen beiden nicht nur der äußere Anklang, daß weit über den engeren Kreis der Freunde hinaus auch der Doppelname Otto Eduard den allzuhäufigen Familiennamen entbehrlich gemacht hat. Vielmehr ist der Schilderer der kursächsischen Heimat seinem großen Vorbild auch in diesem Zuge ähnlich: er sieht die Welt mit den Augen eines Sonntagskindes an; darum erkennt er das Wundersame auch im kleinen und kleinsten. Er bringt es fertig, den bescheidenen Alltag sinnig zu beseelen und zu durchgeistigen. Einer der Freunde hat fein gesagt: »In jeder Pfütze sieht O. E. Schmidt das Stück Himmel, das sich darin spiegelt«. Mit einem freudigen Optimismus, der in der Güte und Reinheit seiner Gesinnung und letztlich in der frommen Haltung seines innersten Menschen ruht, bejaht er das Leben und freut sich der aufbauenden Kräfte, die in ihm wirken. Er ist davon durchdrungen, daß er eine Landschaft, ein Kunstwerk, einen Menschen nur dann verstehend erfassen kann, wenn er mit williger Liebe ihnen entgegenkommt.

Diese entgegenkommende Liebe und dieser Glaube an den Sieg des Guten haben in ihm die echte Gabe entfaltet, Freunden ein Freund zu sein; haben ihn befähigt, den Umfang persönlicher Beziehungen fast auf alle gesellschaftlichen Schichten seiner Heimat auszudehnen, in der bewußten Absicht, bei allen das Wertvolle zu finden und im Austausch mit ihnen seine Kenntnisse zu erweitern. Ob er mit der Wirtin im Dorfgasthaus plaudert, ob er sich von der Schwester eines toten Künstlers Werkstatt und Hinterlassenschaft zeigen läßt, ob er mit Pfarrer und Schullehrer in alten Kirchen und Ruinen umherkriecht, oder ob er in der Tafelrunde der Schloßherren sitzt, die ihn so gern als Sachverständigen in ihre Archive und als immer anregenden Erzähler in ihren geselligen Kreis rufen, immer bleibt er der Gleiche, fühlt sich am rechten Platz, ohne die Selbständigkeit seines Denkens und Fühlens irgend preiszugeben.

Zum Schluß kehren wir bei dem Siebziger ein, der mit seiner von ihm hoch gehaltenen Frau, mit Kindern und Enkeln den Familientag begeht; auf der Scholle, nach der er sich frühzeitig gesehnt, die er in heißem Mühen langsam sich erarbeitet, die er wieder, wie ein Häusler hackend und mähend, sich erhalten hat durch Zeiten der Not. Wir hoffen, daß auch wir, wenn das Fest schlafen gegangen ist, wieder einmal einkehren dürfen in Hirschsprung, nahe bei der Ladenmühle, daß er uns dann durch die schlichten aber heimeligen Räume des Bauernhäuschens führt und uns Hausrat zeigt, den er inzwischen vorm Untergang errettet und angekauft hat. Und wenn er uns dann die Geschichte dieses Stuhls und jenes Kruges erzählt, dann schauen wir verstohlen nach seinem Schreibtisch, ob sich da nicht wieder eine Handschrift zur Veröffentlichung rundet, und freuen uns auf das, was er uns wieder schenken will.

Rudolf Richter, Leipzig.

Fußnote:

[1] Dieser Aufsatz erschien in verkürzter Gestalt bereits zum siebzigsten Geburtstag des hervorragenden Gelehrten am 21. August 1925 in den Dresdner Nachrichten.

Das neue sächsische Jagdgesetz und die heimatliche Tierwelt

Von Martin Braeß