Abb. 6. Klöpplerinnen in Sebastiansberg
Mit schwerem Herzen stiegen viele Gebirgler in die qualmüberwallte Ebene, als nach Mißernte in Kriegs- und Nachkriegszeit Frau Sorge droben keine Feierstunde mehr kannte. Sie gingen ins Eisenwerk oder ließen sich in finstere Schächte sinken. Übermüde wankten sie nach der Schicht aus der dröhnenden Werkstatt zum Bahnhof, wurden erst froh, wenn die ersten Bäume vorbeihuschten und der Wald bei der bergwindenden Fahrt immer tiefer hinabsank.
Abb. 7. Nagelschmied in Heinrichsgrün
Die im Kohlenbergwerk schafften, wurden gar bald inne, daß sie zu solchem Tun nicht taugten. Sie wichen dem tschechischen Grubenmann und ertrugen die harte und ungerechte Anklage, Mitschuldige zu sein an der Hingabe der Kohlenschätze in slawische Hand. Konnten sie, die von Jugend an nur »karges Brot« gegessen, Gleiches schaffen mit denen, die ein reicher Boden genährt? Die vom ersten Atemzug an reine Bergluft gesogen, konnten nicht atmen in erstickenmachender Tiefe. Und die der Arbeitsart gefolgt, weil sie einst schon in der Heimat die Gruben lange getragen oder verjüngtes Bergmannsblut in ihren Adern rann, hatten nicht bedacht, daß Kohlen- oder Erzgräber zu sein zwei Welten bedeutet. Sehnsucht nach Wald, Wiese und Moor ward drängende Macht. Aus staubschwangerer Stollenfinsternis stiegen sie wieder hinauf in die Bergnacht, standen ehrfurchtsvoll versunken beim kindheitsgewohnten Schauen, wenn der Nebel sich lockerte und das Funkelgewölbe entschleiert Hochland überdachte. Reich schuf sie das tiefe Naturerleben in ihrer Armut. Fester wurde nach dem kurzen Fernsein die Liebe zur Bergheimat, fester der Glauben an den Boden: Trägst du die Tanne, trägst du auch mich. Vuglbärbaam, iech gieh nett mi fort!
In der Kohlenstadt hatte er das Schreinerhandwerk erlernt. Seine Freude bekundete der Meister oft über die Geschicklichkeit des Bergkindes. Als die Lehrjahre vergangen, mahnte der Meister: »Versuch hier unten dein Glück, die Einsamkeit dort droben hat kein Begehren für deine Kunst!« Doch immer ging der Blick zum Hochland und mit dem Schauen wuchs auch die Sehnsucht nach ihm. Als Geselle schuf er fleißig bei seinem Lehrmeister. Doch wenn Wochenschluß nahte, dann flog der Hobel hastiger über die Bretter. Wenn am Samstagabend sich die Täler verschatteten, des Hochdorfs Fenster im letzten Sonnenfeuer brannten, stand er oben und lauschte aufs Abendglöcklein. Manchmal sah ihn der Meister erst am zweiten Werktage wieder. Als jene Zeit kam, da zwei liebgewordene Augen nach dem Heimkehrer schauten, da klomm er in nebelschwerer Herbstnacht zum Kammland, fürchtete nicht den schneeverschütteten Bergwald und seine todbringenden Stürme. Bald kam ein Tag, da spielte der Bergwind mit Myrte und Schleier. Nun schafft der Bodentreue schlichten und kunstvollen Hausrat fürs Hochland, daheim im Heim.
Abb. 8. Nagelschmied an der Zuschneidemaschine Heinrichsgrün
Vierzig Jahre hindurch hackt der Alte in der »Moorbodengrube«. Er schürfte immer nur die oberste Schicht vom Urland zum heilenden Moorbad für den Kurgast in Eichwald. Auf den wieder unberührt gelassenen Flächen siedelt von neuem die Birke, Trunkel- und Moosbeere. Im Winde baumeln die Wollgrasschöpfe. Vier Jahrzehnte einen Arbeitsplatz! Wieviel sonnenlose Tage mag er gegraben haben hier in der Nebelheimat. Der Boden hielt ihn fest wie ein Magnet.