Kämpfer und Dulder waren und sind die Menschen droben im Kammland unseres Erzgebirges. Festgedrückt an den Boden erscheinen die niedrigen, schindelbedachten Berghütten. So geschaut, wandeln sie sich zum Ausdruck der Seelenstimmung ihrer Bewohner: Festhalten, einkrampfen in den Boden, den der Vorfahr in langer Geschlechterfolge durch kraftverzehrende Arbeit der Wildnis entriß und damit die Wetterkräfte in ihrer urgewaltigen Wirkung minderte. Bleiben, kämpfen oder dulden, aber nicht weichen, wenn fremder Zunge Bodengier nach der »Hamit« leckt.
»Silva liminaris«, Grenzwald, nennt eine Urkunde des Klosters Ossegg vom Jahre 1203 das wilde Waldgebirge zwischen Sachsen und Böhmen. Eine lebendige Schutzmauer war der dickichtstrotzende, moorbergende, tagereisenbreite Urwald für Böhmen. Nur wenige Saumpfade liefen durch die Wildnis, martervolle Wegfahrten für die Reisenden. Einzelne »Landestore«, porta terrae, öffneten die Waldmauer um dieses Jahrhundert: So bei Kulm, Graupen, an der Riesenburg, bei Preßnitz und Graslitz. Den Grenzwaldklöstern ward der Grenzschutz geboten. Leute deutscher Abstammung betreuten die Landestore und besserten auf Geheiß der Klostermänner in friedvollen Zeiten die steinigten und wurzelüberflochtenen Pfade zu gangbaren Handelswegen. Deutsches Blut heimatete zuerst im wilden Waldland.
Abb. 1. Das Kammdorf Göhren. Im Hintergrunde der Wieselstein
Auf steilem Einzelfelsen oder schroff absinkender Talwand bauten im elften und zwölften Jahrhundert thüringische und fränkische Ritter ihre Wohnstätten, anfangs wohl nur aus einem Turm bestehend und erst im Zeitenlauf sich zur trotzenden Schutzfeste wandelnd. Die Wahrzeichen deutscher Besiedelung sind die Burgen unseres Erzgebirges, Wächter, die sich einhorsteten in die Wildnis, zu fördern deutsche Kulturarbeit und wo nötig, zu trotzen slawischem Wesen. Nach ihrer alten Heimat sandten die Ritter ihre Unternehmer, um »Kolonisten« zu werben fürs neue Land. Mancher Einwanderer erschrak, als ihm sein Stück Land zur Rodung zugewiesen ward, schlich verzweifelnd am Abend zur Blockhütte, wenn das Ringen mit Baum, Stein und Tier schier übermenschlich werden wollte in der maßlosen Wildnis. Heute künden die langen, strauchbestandenen Steinrücken von harten Tagen vergangener Geschlechter und säumen in mittlerer Höhenlage schenkenden Boden. Wie von gewaltigen Recken gebaut, lagern die Steinwälle droben bei Gebirgsneudorf. So urhafte Mauern, kaum sind sie wieder zu finden im ganzen Gebirge, konnte nur ein Wille türmen, der den bezwungenen Boden ewig haben wollte.
Was aber lockte die Menschen einst bis hinauf ins Kammland, wo schwankender Grund keinen Fuß tragen will und ungebändigte Wildnis ehedem eine rauhere Luft aushauchte als in unseren Tagen? Der Berge erzene Adern wollten sie ritzen, ausschmelzen den erzschwangeren Fels. »Montes metalliferi«, Erzgebirge, wurde das Gebirge benannt. Reicher Bergsegen ward gehoben. So gab es auch im kalten Kammland Brot, und den Erzgräbern fiel das Bleiben nicht schwer. Deutsche Bergleute waren es, die von Freiberg aus allmählich den sanftansteigenden Nordabhang hinaufsiedelten, des Hochlands Erzgänge »fündig« machten und auch seinen böhmischen Teil mit manchem Bergstädtlein betupften. Da kamen friedlose Zeiten auch zum Bergmann in der hohen Einsamkeit. Als der Krieg begann, in dem katholische und lutherische Heere dreißig Jahre lang miteinander stritten, kam nach der Schlacht am Weißen Berge bei Prag der Jesuit ins Erzgebirge. Duldung war ihm ein unbekannt Wort. Mit roher Gewalt hieß er die »Bekehrungsdragoner« ihres Amtes walten. Bürgerrecht, Amt und Handwerk verlor die Glaubenstreue. Hinaus aus dem Land, wenn du nicht unsere Messe hörst! Mancher traurige Zug von vertriebenen, doch innerlich starken Menschen, bewegte sich über die Grenze nach Sachsen. Oft nur wenige Minuten von der alten Heimat entfernt gründeten die Exulanten das neue Heim. Johanngeorgenstadt, Neuschönberg, Rothenthal, Zinnwald, Neugeorgenfeld, Gottgetreu und noch manch anderer Ort im Grenzgebiet wurde von ihnen gegründet. Das Jahrhundert jesuitischer Gewalt beraubte das böhmische Kammland seiner besten Siedler, nur gut, daß sie nicht fortgegangen, sondern nur Schritte gewichen, denn mancher Notruf kam von »drüben«, den ihre helfende Hand zu leiserem Klingen brachte, wenn sie nicht selbst ärgste Not bedrückte. Der Krieg suchte ja alle Winkel im Gebirge auf. Oft hallten Marterschreie im Bergwald wieder. Verängstet schlichen die Flüchtlinge wieder aus dem Moor. Ein Häuflein Asche lag auf dem Eigengrund. Lange standen sie ratlos auf den Trümmern ihrer Heimstätten.
Die Häuslein erstanden wieder.
Da klang es erst hier und dort, dann vielerorts und bald im ganzen Gebirge von einem Gespenst, das zwingen würde, fortzugehen. Bald ward das heimlich Gefürchtete schlimme Wirklichkeit: Der Berge erzene Adern hatten sich vertrieft. Jahre kamen, da mußten die Erzsucher um längst verdienten Lohn bitten, waren zufrieden, wenn ihnen »Brot und Geleucht« gewährt ward. Bleiche, vermühte Männer wandelten zum Stollen. Kamen sie aus ihrer sonnenlosen Werkstatt, dann war nur zu oft auch draußen das Tageslicht von schleichendem Nebel gedüstert. Schwermütig gingen sie zwischen den geisternden Stämmen ihrer Hütte zu. Aber treu blieben sie ihrer Arbeit, treu ihrem Häusel. Es war zu schwer fortzugehen, weil des Schichtglöckleins Ruf zu bindend geworden, zumal denen, die seiner Stimme ein Leben lang gefolgt. Und als das grausame Wort erklang: Sucht anderswo nach Brot, der Tag der Ablohnung ist nicht mehr fern, da vertrauten sie noch immer der Wünschelrute, daß neue Gänge fündig würden und hofften auf bergtechnischen Fortschritt, der die noch ruhenden Schätze lohnender zu heben vermöchte.
Als der Bergmann sein Gezähe aus der Hand legte, da feierten auch die Zimmerleute, die den Stollen stützten, des Hammerschmieds Wasserrad schufen und besserten, die Hammerstiele schnitzten. Seltner rauchte ein Meiler. Runde, schwarze Flächen auf dem Waldgrund sagten noch eine kurze Zeit, daß hier die rußigen Kohlenbrenner geschafft. Heute weckt nur noch des Flurnamens Klang die Erinnerung an des Köhlers Arbeitsplatz.
Was tun im unwirtlichen Hochland? Fortgehen, das Häusel verlassen? Nein, von den Bergen steigen wir nicht. Bleiben wir treu dem Kammland, dann wird auch uns der Boden treu bleiben mit seiner schlummernden Kraft!