Du seiest Tonerde des Töpfers;
Nur durch beständigen Schwung
Wirst du zum schönen Gefäß.
Moritz von Egidy.
In beständigem Schwung kreist die Töpferscheibe durch die Jahrhunderte. Sie ist heute noch das einfache Gerät wie seit historischen Zeiten: eine Scheibe für den treibenden Tritt der Füße unten, eine Scheibe für die formende Arbeit der Hände oben, beide durch eine vertikale Achse verbunden. Es ist die gleiche Töpferscheibe, an der der Singhalese in Hagenbecks Völkerschau und der Brauntöpfer in der sächsischen Lausitz arbeitet. Sie ist Urgerät menschlicher Handfertigkeit.
Arbeitsmaterial des Lausitzer Brauntöpfers ist ein grauer, fettig sich anfühlender Ton aus der Kamenzer Gegend, der während des Krieges, wie andere Tone auch, zur Fabrikation von Tonseifen dienen mußte. Um ihm die für die Töpferei nötige geschmeidige Gleichmäßigkeit zu geben, wird er vorher im Tonzurichtewerk geschlemmt und durch den Tonschneider getrieben, der ihn zwischen Messerwalzen gründlich durchknetet.
Gebückt auf der Bank sitzt der Töpfer vor der Scheibe. Die in der für das einzelne Stück nötigen Größe zurechtgeballten Tonklumpen liegen handgerecht aufgehäuft auf dem Brett. Sie erinnern an die abgewogenen Teigstücke des Bäckers. »Kannenbäcker« nannte man ja auch die rheinischen Töpfer, deren irdene Bartmannkrüge damals Gefäß des Weines und Schankzeichen der rheinischen Weinwirtschaften waren. Von solcher in gelinderem Feuer »gebackener« Ware mit mürbem wassersaugenden Scherben unterscheiden sich aber die bei scharfem Feuer von sechzehnhundert Grad gebrannten Lausitzer Töpfe; sie sind hart und dicht in der Masse, und jede braune Schüssel klingt unterm Schlag mit dem Fingerknöchel wie eine Glocke.
Mit einigen tretenden Schwüngen der nackten Füße setzt der Töpfer die Scheibe in schnelle Drehung. Er hat das Gefühl für seine Arbeit auch in den Füßen, die den formenden Händen dienen als drittes und viertes Glied; es ist, als fühlten auch die vom Tone graubekrusteten Zehen die geschmeidige Bildsamkeit des Tones.
Mit kräftigem Hieb haut der Töpfer einen Tonklumpen auf die rotierende Scheibe, daß er sich fest und luftlos ansaugt. Und während nun die Scheibe kreist und unten die Füße ruhend zur Seite treten und nur mit einem leichten Schwunge nachhelfen, wenn die Drehung der Scheibe sich verlangsamt, greift der Töpfer mit seiner nassen Hand formend in den mit der Scheibe kreisenden Ton. Ein Napf rundet sich und zieht sich hoch. Aus einer Grundform, die anfänglich entsteht, wächst das gewollte Stück; sie weitet sich zum Topf, öffnet sich zur Schüssel, baucht sich zum Kruge aus, engt sich über der fassenden Wölbung zum Halse der irdenen Flasche ein. Unter einem Griff der Finger stülpt sich der Rand des rotierenden Gebildes zum Rande des Topfes, des Kruges, der Schüssel um; er wird gleichsam gesäumt. Unter einem leichten Druck mit einem Formhölzchen faltet sich die Gußschnauze in den Rand des Topfes; sie entsteht wie unter der Berührung mit einem Zauberstäbchen. Einige streichende Griffe verwandeln eine Tonwurst in einen Henkel, der sich dem Gefäß anschmiegt, als wisse der Ton längst den griffigen Schwung, in dem er sich der fassenden Hand darzubieten hat. Man sieht das alles entstehen, aber man errät nicht, wie es gemacht wird. Scheinbar dieselben Handgriffe erzeugen alle Formen. Leichtes bildendes Anschmiegen der Finger, manchmal nur ein Hintippen für eine schnelle Umdrehung verwandelt die Gestalt. Eine Verwandlung geht in die andere über; der Ton scheint unter der Hand des Töpfers zu fließen. Leicht und willig fügt er sich in die gewollte Form. Ja, es scheint kaum die menschliche Hand zu sein, die alle diese Wandlungen bewirkt; manchmal mutet es an wie nur ein lenkendes Deuten, das, vom selber belebten Material willig begriffen, seine Wandlung bewirkt. Und es ist doch die sichere, an unendlichen Mengen von Gebilden geübte Geschicklichkeit des Töpfers, die diese spielerisch fließenden Verwandlungen sicher und ohne Fehlgriff zur endgültigen Gestaltung führt.
Die drei geschicktesten Töpfer dieser Werkstatt sitzen hintereinander, die Fenster neben sich, in den Bänken. Freundlich zu einer kurzen erklärenden Deutung ihres Tuns bereit, aber lieber schweigend, formen sie immerfort die schwingenden Gefäße, heute diese, morgen jene. Sie arbeiten in Akkord. In ununterbrochener Folge reihen sich Krüge, Töpfe, Schüsseln vor ihnen auf dem Brett. Ist wieder ein Stück fertig, löst es der Töpfer mit dem raschen geschickten Schnitt eines Drahtes von der ruhenden Scheibe und hebt das gummiartig biegsame Gebilde auf das Brett vor sich. Auch dieses Wegheben gelingt nur dem Geübten. Aber man ahnt, wenn man es sieht, die Spannung, in die die schnelle Drehung der Scheibe die Tonatome zusammendrängte, während der Töpfer das Gebilde formte; sicher ist der Schwung der Töpferscheibe nicht gleichgültig, sicher formt er mit und gibt, so vermutet man als betrachtender Laie, dem Gebilde ein anderes Gefüge, anders, als es bei nur mechanischem Eindrücken der Tonmasse in eine Gipsform sein würde. Vielleicht ist das eine Täuschung, vielleicht ist der gepreßte Scherben ebensogut wie der gedrehte; aber die Vorstellung, daß der Schwung mit bilden helfe, stellt sich beim Betrachten des Vorganges ein. Es wirkt wie ein organisches Werden; das Entstehen eines simplen Gefäßes auf der Töpferscheibe hat manchmal Verwandtschaft mit pflanzenhaftem Wachsen, und ein einfacher irdener Topf, der so leicht zerbrochen und so billig zu ersetzen ist, erscheint, wenn man ihn entstehen sieht, als ein Gewordenes, nicht einfach Gemachtes. Man glaubt, ihm den lebendigen Schwung anzusehen, der ihn formte. »Nur durch beständigen Schwung wirst du zum schönen Gefäß« – auch Egidy empfand wohl so, als er dieses Epigramm prägte, und sicher hat er das fließende Aufblühen der Form aus gestaltlosem Ton auf der kreisenden Töpferscheibe gesehen. Ton ist Erde; Gebilde, einem für unsere stumpfen Augen noch verborgenen, Verwandlungen herbeiführenden Schicksal unterworfen – wissen wir, was wirklich vorgeht, wenn Kristalle sich bilden, Gestein zu Ton verwittert? Gestein und Erde ist die dünne Kruste unseres Himmelskörpers, der, um sich selber schwingend, im Weltenraume um eine Sonne schwingt und dieser Bewegung wohl seine schwellende Gestalt verdankt – die Gedanken schweifen weit über die Töpferwerkstatt hinaus in ferne Räume, in denen fortwährend sich wandelnde Gestaltung sich vollzieht, und die Töpferscheibe scheint kosmische Gesetze zu erfüllen, wenn von ihrem Schwung irdene Gebilde sich lösen, die nun in der wallenden Glut des Feuers zu fester Gestalt erhärten und dann Gefäß für Speise und Trank sein werden, bis sie klirrend im Aufwaschfaß wieder zerbrechen.