Am Waldhang, wo wir liegen, hat auch er als kleiner Bub gelegen mit dem Hirtenhütl und dem gebirgischen Gewandl und des Vaters Ziegen gehütet, und hat den Waldvögeln gelauscht und mit dem kiesigen Bächlein Zwiesprache gehalten, und das tiefe, heimliche Rauschen der Heimatwälder ist ihm durch Herz und Seele gezogen, daß er es hat nimmer vergessen können.
So sind wir auf stillen, reinen Wogen in des Dichters Lande gekommen und ziehen seine Heimatstraße hinab nach Gottesgab. Am »Neuen Haus«, der großen, schönen Einkehrstätte an der Grenze zwischen Sachsen und Böhmerland, müssen wir vorerst vorüber. Da ist immer ein lebhaftes Gedränge von wanderfrohen Menschen. Aus den Stuben erschallt Saitenspiel, singt man des Toler-Hans-Tonls Heimatlieder. Dann gelangen wir zum Verbrüderungsturm; der trutzige, leider nur halbfertige Bau erinnert wehmütig an jene Tage, da alte Nibelungentreue noch lebte und Alt-Oesterreichs Herrlichkeit noch festzustehen schien wie die Berge ringsumher. Bald sind wir mitten in der schnurgeraden Häuserzeile: Gaststätten und Weinschenken laden uns ein. Ein Hündlein bellt uns an, ein Brunnen rauscht am umgrünten Markt. Erzgebirgischer Stadtfrieden umfängt uns. Der Name Günther ist hier und da zu lesen. Oben am Rande der braunen Heide steht schlicht und einfach das Häuschen des Toler-Hans-Tonl.
II. Un is mr in dr Fremd, uje …
Aus Gottesgab zog einst der Großvater Anton Günthers mit den Seinen hinab ins »Tol«, (Joachimstal) und sein Vater »Dr Tolerhans« kehrte wieder heim in die »Gutsgoh«, nachdem er beim großen Brand der Stadt Hab und Gut verloren. Aus dem armen Bergmann wurde ein ebenso armer Stickmeister. Sein Reichtum bestand in zehn Kindern, einem verschuldeten Häuschen und in einem echtdeutschen Herzen.
Es ist fast wie ein ewiges Gesetz in der Welt: je ernster das Gesicht der Heimat, desto lieber haben sie die Menschen. Längst ist auch hier oben der Bergsegen erschöpft, karg der Boden, die Bearbeitung schwer, gering der Verdienst, den Hausklöppeln und Sticken abwerfen; der Nebel drückt schwer auf die kleinen Schindeldächer, und an die Türen pochte oft die Not. Was wissen von dem allen die Menschen im bequemen Unterland? Da ist es eine Gottesgabe, ein frohes Herz zu behalten. Auch den Tonl, den Zweitältesten daheim, traf das Los des armen Erzgebirglers: es kam der Tag, da er Abschied nehmen mußte vom bunten Wiesenhang, vom lieben Wald mit seinem Singen und Klingen, aus dem der Kuckuck ruft zur Frühlingszeit. Sein Herzenswunsch, Forstmann zu werden, fand keine Erfüllung; er mußte in die Fremde ziehen. Doch zunächst ging es noch nicht allzuweit, gerade so weit, daß er den weißen Schneemantel des Fichtelberges sehen konnte, hinter dem die Heimat liegt. Hier in Buchholz lernte er bei Eduard Schmidt die Kunst des Lithographierens. Aber bald wachte in seinem Herzen auf, was alle Kinder des Berglandes plagt: die Sehnsucht nach daheim. Fast zur Heimkrankheit wurde sie, als er später nach Prag kam. In der Hauptstadt des Böhmerlandes, dem goldenen Prag, wo die Menschen so fremd und stolz, die Straßen so laut, die Herzen so hart, die Worte so liebeleer waren, konnte das rauschende Leben das Herz des stillen Erzgebirglers nicht satt machen. Wohl war er einsam, doch nicht allein. Allerlei Freunde und Bekannte aus der Heimat fanden sich hier regelmäßig zu einem »Gutsgewer Omd« zusammen. Der war wie eine Insel im weiten Meer der Fremde. Hier tauschten sie Heimaterinnerungen aus und stärkten einander im Kampfe um ihr Deutschtum, indem sie alles Undeutsche in Wort und Wesen verbannten und das deutsche Lied sangen. Denn gesungen wird immer, wenn Erzgebirgler beieinander sind; dazu ward die Fiedel gestrichen und die Harmonie gespielt. Wohl sprachen sie miteinander in der Mundart der Heimat, wohl pflegten sie den deutschen Sang, aber eins vermißten sie schmerzlich: ein erzgebirgisch Lied. Und sieh, da geschah es, der Toler-Hans-Tonl erzählt es selbst: »Ich weiß selbst nicht, wie es kam, ich war gerade beim Gravieren, da summte mir eine Melodie durchs Gemüt, meine Gedanken waren im alten Elternhäusel daheim, und ein Lied war fertig. Ich brachte es zu Papier. Es war mein erstes Lied: Drham is drham. Mir war, als sei mir ein Stein vom Herzen gefallen, und je mehr später Lieder entstanden, desto leichter wurde mir.«
Das war eine Freude, als er es zum ersten Male am »Gutsgewer Omd« seinen Landsleuten vorsang! Jeder wollte es haben. Da vervielfältigte er es auf Postkarten, ließ hundert Stück davon drucken, und jeder schickte davon ein paar in die Heimat. Als er zu Weihnachten heimkam, da ward es schon im Konzert des Gottesgaber Gesangvereins mit hellem Jubel gesungen, und alle sangen es mit. Um die Not im Vaterhause zu lindern, ließ es der jugendliche Dichter abermals drucken, und zwar mit Singweise, und von den Seinen verkaufen. Erzgebirgische Wanderkapellen spielten es. Langsam, aber mit steigendem Erfolg, fand das erste erzgebirgische Lied seinen Weg in die Welt. Ihm folgten bald andere. Sein Herz war stets daheim bei den Seinen, und seine Hand arbeitete in der Fremde für sie. Immer standen der Heimat Bilder um ihn her; er träumte sich in seinen Liedern hinauf an die »Grenz ve Sachsen, wu da Schwarzbeer wachsen«, wo die Lüfte so frisch, frei und rein wehen, wo er zur Gongazeit am Heidehang der Lerche gelauscht, wo der Lenzwind die Schneedecke wegfegt und die Himmelschlüssel weckt, wo im Herbst die Weinbeeren des Erzgebirges glühen, die korallenroten Vogelbeeren, und wo er auf der Heide den toten Vogel fand, der vor Heimweh nach den grünen Wäldern gestorben ist. Der Heimat liebe Gestalten kamen auf allen Wegen ihm entgegen, die Kinder des Waldes und die schlichten Menschen des Gebirges, denen sein Herz gehörte, der »Schwammagieher« der »Muhtstacher«, der alte Musikant der »alta Bordenhannler« und »Hannelsmah«, der mit seiner Hausierkraxe von Tür zu Tür geht. Nicht nur das schlichte Volksdichterwort, auch die Musik klang zugleich in ihm auf, und weil er auch ein Malersmann ist, nahm er den Künstlerstift und zeichnete zu jedem Liede ein liebes, gemütvolles Bildchen dazu. Bald riefen ihn auch andere deutsche Vereinigungen in Prag, selbst in Wien mußte er seine Lieder singen. Zu seiner Freude erlebte er es, daß er dadurch seine Brüder in der Fremde unterstützen und den Seinen in der Heimat helfen konnte. Für sie arbeitete er, zeichnete er, gab Zitherstunden, mußte zwischendurch nach Komotau einrücken, um dem Vaterlande zu dienen, und war »immer zum Singen bereit«. Die Not daheim ward nicht geringer. Er sah den Alten im Vaterhaus, von Sorgen gedrückt, bis tief in die Nacht hinein beim Stickmuster sitzen, sah die »alte Mahm« daheim unermüdlich am Klöppelsack sitzen und Mutter und Schwester nähen. Da entstand in tiefer Nacht eins seiner ernstesten und besten Lieder: »Mei Vaterhaus«.
Do drauß’n in der fremd’n Walt,
Da find ich holt kaa Ruh’,
Da Heiser sei do ganz aus Staa,
Da Mensch’n aa a su.