Bei dem Burgstadel war einem Mann ein Schwein verlaufen. Mit einer Gerte, die er sich aus einer Haselstaude schnitt, suchte er es im Gebüsche, wobei er zufällig mit ihr die Bergwand berührte. Da öffnete sich diese und zeigte ein Gewölbe, worin das weiß gekleidete Fräulein und verschiedene Kisten waren. Auf einer der letztern lag ein Hund mit einem Bund Schlüssel im Maule. Nachdem der Mann eingetreten, nahm das Fräulein die Schlüssel und machte damit die Kisten auf, welche voll Geld und Kostbarkeiten waren. »Nimm Dir davon, so viel Du willst,« sprach sie zu ihm, »aber vergiß das Beste nicht!« Ohne Säumen warf er die Gerte weg und packte von den Schätzen ein, so viel er fortbringen konnte. Als er damit im Freien war, schaute er nach dem Gewölbe um; aber da war der Berg wieder zu, und er erkannte nun, daß er das »Beste«, nämlich die Haselgerte, zurückgelassen habe.
Bei Tagesanbruch sah einmal der Knecht aus der Sägmühle das Fräulein an der Alb einen Kübel füllen und ihn auf den Berg tragen. Er erzählte es seinem Herrn, auf dessen Rath er am andern Morgen abermals an den Fluß ging und das Fräulein, welches wieder Wasser holte, fragte, was sie da mache. Sie erwiderte ihm, er möge ihren Kübel nehmen und ihr damit auf den Burgstadel folgen, was er auch ohne viel Bedenken that. Oben traten sie durch eine Höhle in das Schloß, worin viele Kisten und ein Faß standen, bei dem ein Hund auf einem Lotterbette lag. Nachdem das Fräulein den Kübel in das Faß ausgeleert hatte, sagte sie zu dem Knecht, er würde sie erlösen und alle die Schätze in den Kisten bekommen, wenn er den Frosch, worein sie sich verwandle, trotz des heftigen, aber unschädlichen Gebells des Hundes, dreimal mit der Hand um das Faß trüge. Beim ersten Gang um dieses bellte der Hund stark, beim zweiten noch stärker, beim dritten aber so fürchterlich, daß der Knecht den Frosch fallen ließ. Da war es um die Erlösung geschehen, und es erschien ein alter Mann und führte den Knecht zum Berge hinaus.
Als einst ein Schäfer beim Weiden oberhalb der Kalbenklamm ein Stücklein blies, kam das Fräulein und sagte ihm, er solle mit ihr gehen, seine Heerde werde unterdessen bestens gehütet. Auf dieses folgte er ihr und ward an einen Platz voll Schlüsselblumen geführt, deren er eine abbrechen und auf den Burgstadel mitnehmen mußte. Dort war eine Thüre sichtbar, welche er auf seiner Führerin Geheiß mit der Blume wie mit einem Schlüssel aufschloß. Sie gingen hinein und kamen zu drei Kisten, auf deren einer ein schwarzer Pudel lag. »Öffne die Kisten mit der Blume«, sprach das Fräulein zu ihrem Begleiter, »und nimm daraus, so viel Du willst, aber vergiß das Beste nicht!« Nachdem der Hund herab gesprungen war, schloß der Schäfer mit der Blume die Kisten auf und fand sie mit Schafzähnen gefüllt. Ohne große Freude steckte er damit seine Taschen voll und trat dann, die Blume zurücklassend, allein den Rückweg an. Kaum war er aus dem Berge, so rief ihm eine Stimme klagend nach: »Du hast das Beste vergessen!« Seine Heerde traf er schön beisammen und vergaß über ihr die mitgenommenen Schafzähne. Erst am nächsten Morgen dachte er wieder an dieselben; aber statt ihrer fand er in seinen Taschen lauter Goldstücke. Sogleich eilte er auf den Burgstadel; allein er sah die Thüre nicht mehr und merkte nun, daß unter dem »Besten« die Schlüsselblume verstanden war, mit der er immer wieder in den Berg und zu dem Golde hätte gelangen können.
Spielleute beim Hexentanz.
Drei Spielleute kamen Nachts beim Heimgehen von einer Kirchweihe zu einem hell erleuchteten Waldschloß, woraus lustiger Tanz erscholl. Um noch etwas zu verdienen, gingen sie hinein und in einen Saal des obern Stockes, worin eine Menge Weiber zu einer Gellflöte tanzten. Diese blies Einer, welcher auf dem Tische stand; die Spielleute stellten sich zu ihm hinauf und geigten wacker mit. Während dessen nahm der Baßstreicher einen goldenen und einen silbernen Becher vom Tische und steckte sie in die Tasche. Als sie im besten Fiedeln waren, schlug es zwölf und im Nu verschwand Alles, und die Drei waren allein im Dunkeln. Wie sie merkten, saßen sie auf einem Baume; einer von ihnen sprang hinab und brach das Genick. Auf dieses blieben die zwei Andern oben, bis es Tag wurde, wo sie sich auf einer hohen Tanne sitzen sahen, von welcher sie nur mit Mühe hinab kamen. Als der Baßgeiger nach seinen eingesteckten Bechern schaute, waren es eitel Kühklauen.
Der Jungfernsprung bei Dahn.
(Abweichung von Nr. 198 des Hauptwerkes.)
Auf einer waldigen Höhe bei Dahn ward einst ein unschuldiges Mädchen, welches einsam Kräuter sammelte, von einem geilen Jäger angefallen. Sie entsprang ihm und floh, von ihm verfolgt, bis vor auf die steile Felsenwand, die die Höhe gegen das Thal bildet. Da sie keinen andern Ausweg hatte, that sie in Gottes Namen den Sprung in die Tiefe, wobei sie sich nur den kleinen Finger[12] verstauchte. Auf dem Platze, wohin sie gesprungen, sprudelte gleich eine klare Quelle hervor. Die Felsenwand erhielt von der Begebenheit den Namen Jungfernsprung, und es ward ein hölzernes Kreuz darauf gesetzt.