[12] Statt des kleinen Fingers nennen Manche hier und in Nr. 198 des Hauptwerkes die kleine Zehe, und Andere den kleinen Finger und die kleine Zehe.

114.

Schatz gehoben.

Auf dem Wingertsberge bei Annweiler brannte früher ein nächtliches blaues Licht, das bald größer, bald kleiner wurde. Einmal kam ein Mann aus dem Orte, welcher spät in der Nacht nach Hause fuhr, in die Nähe des Lichtes; da ging er schweigend hin, deckte seinen Mantel darauf und setzte dann seinen Heimweg fort. Am nächsten Morgen um fünf Uhr war er wieder auf dem Berge, und als er seinen Mantel aufhob, lag ein Schatz Geld darunter, den er unangefochten sich zueignete. Seit dieser Zeit wird das Licht nicht mehr gesehen.

115.

Die Schlorpengasse.

Noch im vorigen Jahrhundert trieben sich zwischen Basel und Frankfurt vierzigtausend Betteljuden, Männer, Weiber und Kinder, heimathlos umher. Bei Karlsruhe hatten sie in dem Wald südlich von der Stadt ihren Lagerplatz, wo sie häufig aus dort blühendem Holler und zusammen gebetteltem Mehl und Schmalz sich Hollerküchlein bereiteten, endlich wurde ihnen von der Karlsruher Judenschaft ein Haus in der Rüppurrerthorstraße zur Herberge hergerichtet und nun schlorpten (schlarften) sie bei Tag und Nacht hinein und heraus. Davon erhielt die Straße auch den Namen Schlorpengasse, welchen sie aber jetzt, wo die Herberge nicht mehr besteht, beinahe wieder verloren hat.

116.

Laß die Todten ruhen.

Eine reiche Wittwe in Karlsruhe hatte eine einzige Tochter, die sie, weil dieselbe eben so schön, als verständig war, über die Maßen liebte. In der Blüthe der Jahre starb das Mädchen, und die Mutter war darüber ganz untröstlich. Täglich brachte sie mehrere Stunden auf dem Kirchhofe zu und weinte und klagte an der Gruft ihres Kindes. Als sie einst in der Frühe wieder dort saß und jammerte, rief ihr die Stimme ihrer Tochter aus der Gruft zu: »Mutter, laß mich doch ruhen!« Da verließ die Frau erschüttert den Friedhof und suchte, zur Beruhigung der Verstorbenen, über ihren Schmerz Meister zu werden.