Wie dann vom Turm die Zwölfe schlug,

Ins Läuten kam die Glock’: »Komm mit!«

Als käm’s zum letzten Atemzug

Von einem bald, so rief’s: »Komm mit!«

Martin Greif

Mondspuk

Der Vollmond leuchtet hoch am bläulichen Himmel; sein Glanz hat das letzte, weiße Wölkchen verzehrt; sogar die Sterne sind in seiner Lichtflut ertrunken, und nur die großen Himmelsbilder glänzen noch neben ihm. Von unten herauf funkelt die Wintererde festlich im Schnee; Berge recken dort ihre Silberköpfe empor, und mitten in den Bergen drin, am Fuß eines Hügels, liegt das Dorf lautlos im Mondschein.

Leer und hell sind alle Gassen des Dorfs. Riesig ragt die Kirche aus den niedrigen Häuschen hervor, ein mächtiges, steinernes Ungetüm; wie ein hoher Zaubererhut glitzert der spitze Kirchturm darüber. Zwei Lukenaugen schauen finster aufgerissen unter dem Hut. Auf einmal fängts an, im Innern des steinernen Tiers zu rumoren; es rasselt, es stöhnt, es zieht schwerfällig Atem: ’s will Mitternacht schlagen. Aber seltsam: es stöhnt und rasselt, es wird wieder still, und kein Glockenschlag hat geschallt. Statt dessen in den dunklen Lukenaugen droben glüht’s auf, und eine schnarrende Stimme schreit hinaus ins Land:

»Eins, zwei, drei … zwölf!«

Da tut’s einen Rumpler unten im Dorf. Das ist im Haus vom Wegmacher-Jackl gewesen. Der selber ist aus dem Bett hart auf die Füße gefahren und wandelt quer durch die Stube. Aber ganz abwesend schaut er drein. Er geht ans Fenster; ’s ist dicht mit Efeu zugewachsen; und sitzt nieder. Der Mond scheint durch den Efeu, malt helle Flecke aufs wetterbraune Runzelgesicht und blickt grad hinein in die Augen …