Aber Jackl’s Stimme hat gar keine Kraft. Der Waldl hört ihn nicht, schon ist er weg – und die Gasse hinab kommt eine junge Dirn gezogen, wie im Schlaf, mit geschlossnen Augen. Sie hat ein volles Gesicht; doch ist es so weiß wie das Licht, das draufscheint. Einen Augenblick bleibt sie stehen und wendet den Kopf mit den geschlossenen Augen in der Luft, als suchte sie etwas. Dann geht sie grad aufs Haus vom Maurer Franz zu. Die Eckenlisl ist’s, die so schnell hat sterben müssen, ein Jahr ist’s her! Sie tritt ans Fenster. Mit den Fingerspitzen der rechten Hand schlägt sie leicht ans Glas, daß es klingt. Dann setzt sie sich aufs Bänklein darunter, legt die Hände in den Schoß und lächelt still vor sich hin.
Aber da rauscht es auf in der Ferne; rauscht wie ein Menschenflüstern, zieht näher; die Lisl verblaßt, zergeht; jetzt schwillt’s ins Dorf und schau! durch die Gasse stäubt’s heran, eine blasse Schar, Männer und Weiber. Eben grad sichtbar blinken sie im Mondlicht durcheinander. Bekannte, Unbekannte wechseln, wogen hin, verdrängen einander, und alle steigen sie dort hinten bei der Kirche ins Mondlicht hinein und verschwinden einer um den andern. Der Jackl will sie anrufen, den, jenen, zurückhalten will er sie – zu rasch treibt alles dahin. Wie er sich aber noch anstrengt, sie zu erkennen, da knarrt’s ihm zu Häupten, knarrt und rasselt, als täte sich die Decke auseinander, als schütte der Kalk herab, und die schnarrende Stimme schreit durch die offene Decke: »Eins!«
Der Jackl steht auf – sein Bewußtsein ist ausgelöscht, die Augen haben sich geschlossen – und marschiert zurück in sein Bett.
Reingefegt ist die Gasse von allem Spuk, nirgends regt es sich mehr. Die Haustüren sind zu. In den Lukenaugen des Kirchturms ist das heimliche Glühen ausgegangen. Der Mond scheint aufs weiße Zifferblatt, und unten biegt der bärtige Nachtwächter ums Eck beim Krämer und singt in die Gasse hinein:
»Hört, ihr Herren, und laßt euch sagen:
Die Glocke hat eins geschlagen.
B’hüt euch Gott und Maria!«
Leopold Weber