Als er dreimal die Reise gemacht hatte, guckte der Mond ihm plötzlich ins Gesicht. »Junge,« sagte er, »hast du noch nicht genug?« »Nein,« schrie Häwelmann, »mehr, mehr! Mach die Tür auf! Ich will durch die Stadt fahren. Alle Menschen sollen mich fahren sehen.« »Das kann ich nicht,« sagte der gute Mond. Aber er ließ einen langen Strahl durch das Schlüsselloch fallen, und darauf fuhr der kleine Häwelmann zum Hause hinaus. Auf der Straße war es ganz still und einsam. Es rasselte recht, als der kleine Häwelmann in seinem Rollbette über das Straßenpflaster fuhr, und der gute Mond ging immer neben ihm und leuchtete. So fuhren sie straßenaus, straßenein. Aber die Menschen waren nirgends zu sehen.

Als sie bei der Kirche vorbeikamen, da krähte auf einmal der goldene Hahn auf dem Glockenturme. Sie hielten still. »Was machst du da?« rief der kleine Häwelmann hinauf. »Ich krähe zum erstenmal,« rief der goldene Hahn herunter. »Wo sind die Menschen?« rief der kleine Häwelmann hinauf. »Die schlafen,« rief der goldene Hahn herunter. »Wenn ich zum drittenmal krähe, dann wacht der erste Mensch auf.« »Das dauert mir zu lange,« sagte Häwelmann; »ich will in den Wald fahren. Alle Tiere sollen mich fahren sehen.« »Junge,« sagte der gute alte Mond, »hast du noch nicht genug?« »Nein,« schrie Häwelmann, »mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte!« Und dann blies er die Backen auf, und der gute alte Mond leuchtete, und so fuhren sie zur Stadt hinaus und übers Feld und in den dunkeln Wald hinein. Der gute Mond hatte alle Mühe, zwischen den vielen Bäumen durchzukommen. Mitunter war er ein ganzes Stück zurück. Aber er holte den kleinen Häwelmann doch immer wieder ein.

Im Walde war es still und einsam. Die Tiere waren nicht zu sehen, weder die Hirsche, noch die Hasen, auch nicht die kleinen Mäuse. So fuhren sie immer weiter, durch Tannen und Buchenwälder, bergauf und bergab. Der gute Mond ging nebenher und leuchtete in alle Büsche. Aber die Tiere waren nicht zu sehen. Nur eine kleine Katze saß oben in einem Eichbaum und funkelte mit den Augen. Da hielten sie still. »Das ist der kleine Hinze,« sagte Häwelmann, »ich kenne ihn wohl. Er will die Sterne nachmachen.« Und als sie weiterfuhren, sprang die kleine Katze mit, von Baum zu Baum. »Was machst du da?« rief der kleine Häwelmann hinauf. »Ich lasse meine Augen funkeln,« rief die kleine Katze herunter. »Wo sind denn die anderen Tiere?« rief der kleine Häwelmann hinauf. »Die schlafen,« rief die kleine Katze herunter und sprang wieder einen Baum weiter. »Horch nur, wie sie schnarchen! Wenn ich mein letztes Auge zumache, so wacht der erste Hase auf.« »Das dauert mir zu lange,« sagte Häwelmann, »ich will in den Himmel fahren. Alle Sterne sollen mich fahren sehen.« »Junge,« sagte der gute alte Mond, »hast du noch nicht genug?« »Nein,« schrie Häwelmann, »mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte!« Und so fuhren sie zum Walde hinaus und dann über die Heide bis ans Ende der Welt und dann gerade in den Himmel hinein.

Hier war es lustig. Alle Sterne waren wach und hatten die Augen offen und funkelten, daß der ganze Himmel blitzte. »Platz da!« schrie Häwelmann und fuhr in den hellen Haufen hinein, daß die Sterne links und rechts vor Angst vom Himmel fielen. »Junge,« sagte der gute alte Mond, »hast du noch nicht genug?« »Nein,« schrie der kleine Häwelmann, »mehr, mehr!« Und – hast du nicht gesehen! fuhr er dem alten guten Mond quer über die Nase, daß er ganz dunkelbraun im Gesicht wurde. »Pfui!« sagte der Mond und nieste dreimal, »das ist nicht hübsch von dir,« und damit pustete er seine Laterne aus, und alle Sterne machten die Augen zu. Da wurde es im ganzen Himmel auf einmal so dunkel, daß man es ordentlich mit Händen greifen konnte. »Leuchte, alter Mond, leuchte!« schrie der kleine Häwelmann. Aber der Mond war nirgends zu sehen und auch die Sterne nicht. Sie waren schon alle zu Bett gegangen. Da fürchtete der kleine Häwelmann sich sehr, weil er so allein im Himmel war. Er nahm seine Hemdzipfelchen in die Hände und blies die Backen auf. Aber er wußte weder aus noch ein. Er fuhr hin und her, kreuz und quer, und niemand sah ihn fahren, weder die Menschen, noch die Tiere, noch die Sterne.

Da guckte endlich unten, ganz unten am Himmelsrande, ein rotes, rundes Gesicht zu ihm herauf, und der kleine Häwelmann meinte, der Mond sei wieder aufgegangen. »Leuchte, alter Mond, leuchte!« rief er, und dann blies er wieder die Backen auf und fuhr quer durch den ganzen Himmel und gerade darauf los. Es war aber die Sonne, die eben aus dem Meere herauskam. »Junge,« rief sie und sah ihm mit ihren glühenden Augen ins Gesicht, »was machst du hier in meinem Himmel?« Und eins, zwei, drei! nahm sie den kleinen Häwelmann und warf ihn mitten in das große Wasser. Da konnte er schwimmen lernen.

Und dann? Ja, und dann? Weißt du nicht mehr? Wenn ich und du nicht gekommen wären und den kleinen Häwelmann in unser Boot genommen hätten, so hätte er doch leicht ertrinken können.

Theodor Storm

Kätzchen

Die Nacht ist still, der Mond geht auf,

Wer klettert da zum Dach hinauf?