»Nein,« sprach der Greis wieder, »ich fühl’s nimmer, daß mir so zumute wäre. Der Tod ist alleweg ein bitteres Kraut, da wollen wir uns nichts einreden. Vielleicht wenn ich meine Kräfte nicht mehr hätte, daß mir das Auge trübe oder das Ohr taub wäre oder mir kein Essen mehr schmecken möchte: daß ich dann lieber stürbe als jetzt. Aber so weiß ich schon, ich werd ein schweres Sterben haben, wenn ich denke, daß ich nachher Gottes Sonne nicht mehr sehe und das liebe Gewächs, mit dem ich mich mein Lebtag abgegeben habe, und alles das nicht mehr höre, was mich immer gefreut hat, die Vögel, die Kinder im Dorf, die Orgel und die Glocken.«
So redeten sie eine Weile hin und her, und über ihnen auf der Laube saß unsichtbar der Abendfriede und lächelte so lieb, wie Engel lächeln.
Er hörte jedem Wort zu, das sie sprachen, und endlich wurde er nachdenklich.
Er dachte sich etwas aus, etwas recht, recht Schönes. Und endlich hatte er das Richtige. Aber er konnte es nicht ausführen, wie er wollte. Ohne den lieben Gott, der erst ja dazu sagte, ging das nicht.
Die beiden alten Leute begaben sich in das Häuschen, und er flog weiter und schüttelte seine Schwingen recht oft; denn er war jetzt ganz besonders froh. Reichlicher als sonst lag die Welt voll von dem Wundertau der Erquickung, als er zum Himmel aufstieg.
Er schwebte diesesmal bei seinem Stern vorüber, zu Gott hin. Und als er dort gesagt, was er sich ausgedacht hatte, da lächelte ihm der himmlische Vater zu und nickte.
Und nun war der Abendfriede erst recht glücklich.
Einmal des Abends blieb er bei dem Häuschen und wartete, bis die beiden alten Leute schliefen. Da huschte er in die Schlafstube hinein und erlöste die Seele des alten Mütterchens von ihrem Leibe, ganz in der Stille.
Wie ward die so froh und jung! Sie sah den Abendfrieden an und sagte: »Dich kenne ich, du mußt des Abends manchesmal um uns gewesen sein.«