An vielen Zweigen ist noch Laub, und leise bewegt der Wind diese Zweige, damit ich sie zuerst sehen soll und mich freuen an ihrem goldenen Rot und rotem Gold. Langsam schaukeln sie hin und her, und hin und wieder fällt ein goldenes Blatt von ihnen zu Boden.
Absichtlich hat der Wind meine Augen abgelenkt; denn jetzt, wo sie dem einen fallenden Blatt folgten und von ihm weiterwandern, da sahen sie erst das Allerschönste. Eine Buche ist es, eine schlanke, mit vielen wagerechten Zweigen. Die hat noch alles Laub. Und darauf fällt die Sonne mit besonderer Liebe.
Gestern habe ich ihn gar nicht gesehen, diesen goldenen Buchenbaum; ich bin an ihm vorbeigegangen. Gestern schien die Sonne auch nicht. Es gibt Menschen, die sieht man auch erst, wenn sie lächeln; da leuchtet ihr goldenes Herz. Dort unten steht ein junger Ahorn; der leuchtet wie gelbes Glas. Prächtig sieht er aus und lustig; aber denken kann ich mir nichts bei ihm, und wenn er auch noch so prahlerisch seine goldgelben, spreizigen Blätter im Winde dreht. Höchstens, daß es auch solche Menschen gibt.
Durch das rote, rauschende Laub geh ich weiter. Ein blaugrüner Brombeerbusch wirft eine rauhe Schlinge um meinen Fuß. Als wenn er mir etwas sagen wollte. Er will auch etwas sagen, er, der nie blüht und nie Frucht trägt und Sommer und Winter grünt in demselben harten Grün. Draußen, am Moorwege oder am sonnigen Rain, wachsen seine Brüder. Purpurrote Ranken haben sie, prangen im Sommer mit weißen Blüten und im Herbst mit süßen Früchten und färben im Winter ihr Laub rot und gelb. Er bleibt aber das ganze Jahr, wie er ist. Denn hier unter dem Schatten der Buchen kriegt er keine Sonne, hat nicht Luft und Licht. Das bißchen müde Herbstsonne, das bißchen fahles Winterlicht kann ihn nicht zur Blüte und Frucht bringen.
Menschen gibt es auch, die so sind. Ihr Leben leben sie im schattigen Einerlei; sie blühen nicht in ihrem Mai, und wenn sie blühen, es trägt keine Frucht. Auch der Brombeerstrauch zu meinen Füßen hat wohl einmal eine Blüte gehabt, aber nie trug er eine Frucht.
Hinter den Fichten an der Waldstraße stehen hohe Kiefern. Schwer, entsagungsvoll, hängen ihre Zweige. Wenn sie jung sind, sind sie Himmelsstürmer, langen nach oben mit kecken Zweigen, wachsen und wachsen, schneller als jeder Baum im Wald, als könnten sie es gar nicht abwarten. Und wenn sie groß sind, sind sie müde und lassen die Zweige sinken.
Alles Schnellwüchsige wird früh müde. Unter den Fichten der Adlerfarn, kraftlos und altersschwach hängt er in den Zweigen des Faulbaums. Und wie wuchs er im Mai, und wie eilig hatte er es im Juni, und wie gierig spreizte er im Juli seine Wedel nach rechts und links! Alles Mache, nichts dahinter!
Wenn ich mir dagegen die winzige Eiche unter ihm ansehe: Drei Jahre ist sie alt. Dreimal wuchs ihr der freche Farn über den Kopf; aber jedesmal wurde er auch wieder klein, ganz klein, noch kleiner als die kleine Eiche.
Ein heller Klang, wie von einer silbernen Glocke, geht durch den Wald. Der Schwarzspecht ist es. Er lacht den Menschen aus, der in Novembersonne geht und doch nachdenklich ist. Er hat recht, der Rotkopf. Nachdenken ist gut genug für graue Tage. An hellen Tagen soll man leben und lachen.