Gewiß ein greises Haupt sich bog
Gleich seinen Vätern lachend nieder …
A. K. T. Tielo
Sterben
In dumpfheißer Dickung, von goldgrünen Fliegen umschwirrt, liegt der starke Hirsch. Sein Atem geht scharf, seine Flanken jagen, immer wieder und wieder fährt er mit dem Lecker über den schwarzen Windfang. Der ist trocken und warm – und ferne die kühlende Suhle. Manchmal schlägt der Wunde nach den gierigen Schmeißfliegen, die so beharrlich die Stelle belagern, wo das Haar klebrig rot ist und zähe Tropfen sickern. Sie tasten die Gelegenheit nach einer Brutstätte ab. Selbst unter den Leib ihres Opfers kriechen sie; dort brennt die Wunde am ärgsten, dort fließt der Saft reichlicher, darum hat sich der Hirsch auf die linke Seite gelegt. Aber diesen teuflischen Peinigern vermag er nicht zu wehren, jede Bewegung läßt den Brand durch all seine Glieder lecken. Darum hält er still und leidet und denkt an Wasser. Wasser! Wasser!
Nur mehr diese eine Vorstellung ist in allen seinen zuckenden Nerven. Was geht ihn sein getreuer Freund, der zwölfendige Beihirsch an, was kümmert ihn die Wonne der großen Zeit, die schon in ihm vorbereitet war, da er die Kugel empfing! Nur Wasser! Ob er noch die Suhle erreicht? Sie liegt ferne über dem Hügel, eine halbe Hirschstunde von hier. Dort ist kühler Schatten, dort möchte er sterben – nur nicht in diesem stickigen Dunkel.
Keuchend, zitternd, dunstend vor Schmerz wird er hoch. Fast bricht er auf der Stelle zusammen, so flackert und siedet sein Eingeweide. Und seine Läufe sind so schwach, so müde, wie zerbrochen.
Aber er tut einen Schritt und einen zweiten und dritten, und siehe, er kommt besser vorwärts, als es zuerst schien. So zieht er langsam aus der schwülen Dickung und ins raume Stangenholz hinein, mit krummem Rücken und hängendem Haupte, fast so, als suchte er des Schmaltieres Liebesfährte. Aber ihm ist nicht danach. Wie er mit Anstrengung Lauf vor Lauf setzt, deucht ihn, er schreite hoch über dem Waldboden in freier Luft, alles ist fern und verschwommen und gleichgültig. In seinen Flanken tobt das Weh, sein brodelndes Blut will Wasser, seine trockene Drossel würde nach Wasser brüllen, vermöchte sie es. Und die grünen Fliegen summen hinterdrein.
Jetzt tritt er ins Altholz. Ferne klingen Axt und Säge, er vernimmt es, aber er deutet es nicht, er weiß, dort sind Menschen, Menschen, diese Feinde, grausamer fast als Winter und Seuche – aber er hat sie nicht mehr zu fürchten. Von seiner Flanke tropft es rotwäßrig, hier auf Farnkraut, dort auf die Streu; die Wunde ist wieder lebendig, der Schmerz wühlt in ihm. Fast verspürt er es nicht, solche Stumpfheit, Bleischläfrigkeit umfängt seine Sinne. Nur weiter, weiter! Hier ist der Abfuhrweg, den er sonst immer in heller Flucht überfiel; heute zieht er achtlos drüber hinweg. Jenseits beginnt das enge Stangenholz. Er gibt sich gar keine Mühe, leise aufzutreten, sein Krongeweih schlägt überall an, dem Menschen tausend Zeichen hinterlassend. Ein Holzwagen knarrt hinter ihm durch den Bestand, der Markolf warnt, Stimmen schreien. Das alles hat keine Schrecken mehr für ihn.
Er kann nicht weiter, niedertun muß er sich, bis wieder ein allerletzter Rest von Kraft zusammenkommt. Da sind die goldenen Blutfliegen auch schon wieder; wie Bienen umschwärmen sie die rote Blume des Todes, die ihnen so honigsüß duftet …