Dann tut er sich im schwarzen Ellernwasser nieder. Jetzt hat er wenigstens vor den Fliegen Ruhe. Sie können nicht an die rote Stelle in den Flanken, die liegt im Nassen. Es zwingt ihn, die Lichter zu schließen; den Äser berührt die schlammige Flut. Bei jedem Atemzuge gurgelt sie und trübt sich von neuem.

So hat er manchen Sommertag gelegen, wenn im Bestande die Hitze, in der Dickung die Mückenqual zu unerträglich war. Hier fand er stets Frieden und Kühlung und Schlummer.

Er schläft nicht, aber seine Lider sind in behaglichem Träumen geschlossen. Er träumt nicht, aber er ist ohne Bewußtsein. Nur das Kühlende verspürt er, die Feuchtigkeit vor dem Äser.

Ganz still ist der Wald, still wie die Stube, in der ein Wiegenkind schlummert. Man vernimmt keine Axt, keines Menschen Ruf. Und von Getier ist nur die Hummel wach, die draußen im Schlag um den Salbei burrt, und der Schwarzspecht, der in ferner Eichenkrone seinen wehen Einsamschrei tut.

Aber weit drüben in der Dickung, wo die Schwüle ganz eng zusammengedrückt liegt, da steht jetzt der graue Mann mit dem grauen Bart, und an ihm zieht ein glatter Hund, so rot wie ein Hirsch, ein Hund mit schwermütigen Augen und nachdenklicher Stirn – der Todeshund, der die Spur des langsamen Sterbens findet und bis ans Ende ausläuft. Er senkt die Nase tief in die Streu: da liegen rotklebrige Tropfen, kleine Lachen, aus denen Schwärme funkelnder Fliegen aufbrummen. Allein Mann wie Hund lassen sich nicht irremachen. Der Graue bückt sich, prüft, wendet, beriecht die rotgetränkten Fallnadeln. Dann lobt er den ungeduldigen Gesellmann: »So recht, mein Hund – such verwund’t!«

Dem Hirsche kriecht eisige Starre von den Läufen her immer höher, immer näher ans Herz heran. Schon sind seine Gelenke steif, nur im Leibe geht noch kochende Hitze um. Dann erfaßt Kälte auch die Muskeln. Sie tastet sich spinnebeinig das Rückenmark entlang, umlauert das sprunghaft schlagende Herz. Plötzlich greift sie zu. Das krallt und krampft, schwarzes Wasser spritzt von schlagenden Läufen, Schlamm fliegt umher. Noch einmal hebt der Sterbende das gekrönte Haupt, in der Drossel raucht’s und gurgelt’s, steil nach unten neigen sich die Stangen – und nun schießt ein warmer Strom durch den zitternden Leib, die Läufe strecken sich hart, kleine Wellen schauern an ihnen hin.

Es ist vorbei. Schwer fällt das Haupt ins klatschende Moorwasser: eine Stange liegt im Schlamm, die andere ragt zackig empor.

Hoch überm Walde steht der heilige Mittag.

Friedrich von Gagern

Auf der Wacht