Abb. 34. Luther auf der Wartburg. 1840.
Aus Duller, Deutsche Geschichte.
Verlag von Gebr. Paetel in Berlin. (Zu [Seite 47].)
Aus dem sonnigen, lachenden, an der Küste des Mittelländischen Meeres liegenden Amalfi hinaufsteigend gelangt man in ein herrliches Tal mit zu beiden Seiten terrassenförmig abfallenden, zum Teil steilen Wänden. Zwischen Zitronen- und Orangengärten und Kastanienwäldern taucht gar bald der im weichen Blau hell schimmernde Golf von Salerno auf, und hier ist ungefähr der Standpunkt, den Richter für sein Bild gewählt hat. An einem im Wald sich verlierenden Pfad lagert ein junges Menschenpaar, ein Kindlein herzend. Talabwärts schreitet elastischen Schrittes ein stattliches Weib, neben ihm ein Mann, der einen bepackten Esel führt. Im blumigen Vorgrund steht, auf seinen Stab gestützt, ein Hirt, nach dem Meer hinausschauend, links ein klares Wässerchen, zierliche weiße Doldenpflanzen an seinen Rändern; rechts zwei Ziegen mit einem säugenden Zicklein. Im weiteren Mittelgrunde die stolzen Felswände, hinter dem Walde Häuser, aus denen leichter Rauch aufsteigt. Richter schreibt über dieses Bild in seinen Lebenserinnerungen: „Auch meine Landschaft trägt den charakteristischen Zug an sich, welcher fast allen Bildern eigen ist, die in jener Zeit von deutschen Künstlern in Rom gemalt wurden: eine gewisse feierliche Steifheit und Härte in den Umrissen, Magerkeit in den Formen, Vorliebe zu senkrechten Linien, dünner Farbenauftrag usw. Die Vorliebe für die altflorentiner und altdeutschen Meister bannte auch in deren Handweise.“ An einer anderen Stelle findet sich die nachfolgende hochinteressante Bemerkung, die wir hier einfügen wollen, weil sie für die damaligen Anschauungen maßgebend war: „Über das Zurückgreifen zu den ältesten Meistern, Giotto, Eyck und ihren Zeitgenossen, ist mir die Äußerung des berühmten Canova zu Baptist Bertram, dem Freunde Boisserées, merkwürdig erschienen, als er dessen Sammlung altdeutscher und altniederländischer Gemälde, damals noch in Heidelberg, jetzt in München, betrachtet hatte. Er meinte, hier bei dieser ältesten Kunst müßten die Maler wieder den Faden anknüpfen, wenn sie auf lebensvollere Bahnen kommen wollten; wer von Raffael ausgehe, könne nicht weiter hinauf-, sondern nur hinabsteigen.“ (S. Boisserée, „Leben und Briefe“).
Abb. 35. Zeichnung zum Landprediger von Wakefield von Oliver Goldsmith. Übersetzt von Ernst Susemihl. 1811. Fünfte Auflage. C. F. Amelangs Verlag in Leipzig. (Zu [Seite 38] und [47].)
Welch einen Fortschritt zeigt dieses Bild gegen das vorher gemalte „Rocca di Mezzo“, in dem das Absichtliche und Kulissenhafte trotz großer Reize in der Zeichnung weniger befriedigend wirkt. Das Tal von Amalfi ist das schwungvollste seiner italienischen Bilder und als ein wichtiger Wendepunkt in Richters künstlerischer Entwickelung in Italien zu betrachten. Schnorr, der ihn, als er mit der Aufzeichnung des Bildes fertig war, besuchte, erbot sich, die ziemlich großen Figuren des Bildes auf einer Pause zu überzeichnen; diese Überzeichnung war so schön ausgeführt, daß Richter darüber hoch beglückt war; er hat sie bis an sein Lebensende als ein teures Angedenken bewahrt. Das Bild mit seinen Figuren erregte auf der Ausstellung in Dresden Aufsehen. Um nun bei seinen weiteren Bildern in den Figuren nicht zurückzubleiben, mußte er sich noch eingehender mit dem Studium menschlicher Figuren beschäftigen, und schon bei einem nächsten Bilde, das er in Dresden ausführte, gelangen ihm dieselben noch besser, und so ging es schrittweise vorwärts, bis endlich in den späteren Zeichnungen für den Holzschnitt die Figuren zur Hauptsache wurden und die Landschaft in den Hintergrund trat. Insofern zweigte sich hier sein späterer und wohl recht eigentlicher Weg von der seitherigen Bahn ab. Noch war er sich aber bewußt, daß die ideale, sogenannte historische Landschaft seiner innersten Neigung entsprach. Wie ganz anders aber sollte sich seine Künstlerlaufbahn in der Folge gestalten, nach wie ganz anderen Zielen wurde er gedrängt! Im Herbst desselben Jahres kamen noch drei sächsische Landsleute nach Rom, die Geschichtsmaler Karl Peschel, Zimmermann und W. von Kügelgen. Mit diesen drei Männern entwickelte sich in der Folge ein seltenes Freundschaftsverhältnis, das in den tiefsten und heiligsten Überzeugungen des Herzens begründet war. Und besonders rührend war Richters Verhältnis zu Peschel, mit dem er über vier Dezennien an der Kunstakademie als Lehrer tätig war; beide nahmen an den gegenseitigen Arbeiten, bis der Tod sie schied, den innigsten, ernstesten Anteil.
Am 1. April 1827 wanderte Richter wieder nordwärts, zur Porta del Popolo hinaus, begleitet von seinem lieben Freunde Maydell und den anderen Genossen. Am Ponte Molle trank man den üblichen Abschiedstrunk, Maydell wanderte mit ihm bis zum Monte Soracte, hier übergab er ihm ein kleines Büchlein, in welches er im Laufe des Winters mit der feinsten Feder auf über 90 Seiten je 2 Bibelsprüche eingeschrieben hatte, auch Richard Rothe hatte einige solcher hinzugefügt, dann trennten sich mit Tränen in den Augen beide Freunde, Maydell kehrte nach Rom zurück, Richter schritt der Heimat zu, wohin ihn ein holder Magnet zog.
Abb. 36. Zeichnung zum Landprediger von Wakefield. (Zu [Seite 47].)
In Dresden angekommen, eilte er von den Eltern weg sogleich zu seiner „Auguste“, einer Bekanntschaft aus der „Tanzstunde“. Auguste Freudenberg ([Abb. 14]), deren Eltern in der Niederlausitz ein Landgut in Pacht und in den Kriegsjahren große Not und die schwersten Zeiten durchgemacht hatten und früh gestorben waren, wurde als vierjähriges Kind von kinderlosen Verwandten, dem Akziseinnehmer Ephraim Böttger in Dresden, an Kindes Statt angenommen und für ihre Erziehung auch höchst gewissenhaft gesorgt. „Augustens anspruchsloses, ruhiges Wesen, das sich doch überall resolut und heiter in praktischer Tat erwies“, war so recht nach unseres Künstlers Sinn! Es ist wie ein Bild, von ihm gezeichnet, wie er dieses Wiedersehen in seiner Biographie schildert.
Sein nächstes Bild in der Heimat war „Aus dem Lauterbrunner Tal“; wohin das Bild gekommen, ist nicht bekannt. Der durch seine bedeutende Galerie von Gemälden und Handzeichnungen bekannte Baron von Quandt in Dresden, der damals viel Einfluß auf Kunst und Künstler hatte und sich für Richter interessierte, ermutigte ihn zur Ausführung dieses Bildes, um es zur Ausstellung nach Berlin zu schicken, wo man einen Lehrer für das Landschaftsfach der Akademie suchte. Das Bild gefiel aber dort nicht, und es kam zu keiner Berufung. Quandt bestellte bei ihm zwei italienische Landschaften, nach Motiven von Arriccia und Civitella.