Abb. 83. Der Karfunkel. Hebels alemannische Gedichte. 1851.
Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (Zu [Seite 63].)

1851–1855 erschien bei Georg Wigand in Lieferungen „Beschauliches und Erbauliches“ mit achtunddreißig Zeichnungen. Wir nennen daraus die herrlichen Blätter „Lob des Weibes“, „Aller Augen warten auf dich“, die überaus humoristischen Darstellungen vom „Tischlein deck’ dich, Esel streck’ dich, Knüppel aus dem Sack“; von letzterem ist das Schlußbild ([Abb. 102]). „Ehre sei Gott in der Höhe“ ([Abb. 101]) ist eine Erinnerung an die Meißener Zeit, wie [Abb. 100]; am Weihnachtsabend singen Kinder vom hohen Stadtkirchturm herab Weihnachtslieder in die dunkle Nacht hinaus. Wie mag unser Richter mit seinem „Gustchen“ am offenen Fenster oben am Afraberg dem lieblichen Gesange gelauscht und an dem Lichterschimmer auf dem Turme sich erfreut haben! — „Was ihr getan habt dem geringsten meiner Brüder, das habt ihr mir getan“ ([Abb. 103]). Eine Mutter mit ihrem Töchterchen besuchen eine arme, kranke Frau. Liebreizend ist die Kindergruppe, das Mädchen, welches dem Kinde die mitgebrachten Kleider anziehen will und das staunende Kind. Lustig und heiter ist das Bild „Der Schäfer putzte sich zum Tanz“ ([Abb. 105]). Anmutig tanzt die schmucke Maid mit ihrem Liebsten, mit einem Jauchzer hebt der zweite Bursch seine Tänzerin in die Höhe, der dritte kommt singend mit seinem Mädel und mit seinem Maßel; der kennt den Spruch: „Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang.“ Anmutig ist das Blatt „Kinderlust“, von dem wir eine farbige Reproduktion geben ([Abb. 104]). „Ich habe mein Feinsliebchen so lange nicht gesehen“, höchst behaglich und lauschig mutet das Plätzchen an dem gotischen Türchen der Mühle an, wo die schämige Müllersmaid dem schmucken Jäger die Hand reicht. Er streicht mit seiner Rechten über ihr blondes, welliges Haar. Jägers Teckel sitzt etwas abgewendet blinzelnden Auges da, ihn geht’s halt nix an. Die Müllersfrau oben am Fensterchen hebt wie drohend den Finger, es scheint aber so ernst nicht gemeint, sie hat doch ihres Mädels Schatz gern ([Abb. 106]). Die Darbietungen Richterscher Muse in dieser Heftform, mit „Beschauliches und Erbauliches“ beginnend, halte ich, so groß und hochbedeutend auch sonst seine Tätigkeit als Illustrator ist, und in der er wohl noch unübertroffen dasteht, für seine größten Leistungen; er hat hierin so recht eigentlich für die weitesten Kreise des deutschen Volkes gewirkt, hier wirklich Nationales geschaffen und Samen ausgestreut, der gewiß tausendfältige Frucht getragen und noch tragen wird in der deutschen Familie, im deutschen Hause. Das Erscheinen dieses Heftes bezeichnet wieder einen Wendepunkt in seiner Künstlerlaufbahn. Er seufzt über das Hetzen und Jagen der Verleger beim Illustrieren und freut sich, daß er seine Stoffe jetzt sich selbst wählen und freier arbeiten und gestalten kann. Er tritt auf die höchste Stufe seiner künstlerischen Tätigkeit, reicht seinem Volk die schönsten Blüten seiner Muse. Die Zeit von 1848 bis 1859 ist als des Künstlers eigentlicher Höhepunkt zu betrachten.

Abb. 84. Der Karfunkel. (Zu [Seite 63].)

1849–1851 lieferte Richter für Georg Scherers „Alte und neue Kinderlieder“ zehn Radierungen auf Zink und eine auf Kupfer („Der Schnitzelmann von Nürnberg“), die in späteren Auflagen, 1863 und 1873, weil ausgedruckt, durch Holzschnitte ersetzt wurden; weiter zeichnet er 1854–1875 zu Scherers „Deutschen Volksliedern“ (späterer Titel: „Die schönsten deutschen Volkslieder mit ihren eigentümlichen Singweisen“) dreißig Blätter für Holzschnitt. Zu der 1855 bis 1858 erscheinenden „Deutschen Geschichte in Bildern von Dr. F. Bülau“ (Dresden bei Meinhold und Söhne) zeichnet Richter drei Blätter, von denen wir in [Abb. 107] einen Entwurf zu „Otto I. an der Nordsee“ geben. 1853 zum 14. November zeichnet er sein erstes Enkelchen ([Abb. 108]) dem Schwiegersohn Gaber und schreibt darunter das Verschen:

Das Margaretli bin ich genannt,

noch winzig klein, wie euch bekannt,

werd ich erst ein groß Jungferli sein,

wird mich Großpapa wohl besser konterfein.