Abb. 109. Kinderporträt. 1857. (Zu [Seite 68].)
Im selben Jahr erscheint „Unser täglich Brot“ mit achtzehn Holzschnitten. Der Titel zeigt im Schriftband die Worte: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“ Diese Folge schildert das Korn vom Feld bis zur Mühle und als Brot im Haus, mit dem „Säemann“ und „Engel gießen den Tau über die Fluren“ beginnend. Von der Ährenlese geben wir in [Abb. 157] eine freie und reicher gestaltete Wiederholung der Komposition aus diesem Zyklus. Nach weiteren schönen Blättern folgt „Zur Mühle“ ([Abb. 158]). Im Tale liegt lauschig unter schattiger Linde eine kleine Mühle; im Gärtchen, das von Rosenbüschen eingehegt, bleicht die Müllersmaid Wäsche, über den Zaun lehnt sich ein junger Bursch und schaut dem Mädchen, das ihm Rosen an den Hut steckt, treuherzig ins Gesicht; draußen windet sich durch sonnige hügelige Landschaft der Weg nach der Höhe. Wie ein Bild von Van Eyck ist der Schlußakkord: „Denn dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben“ ([Abb. 159]). Maria sitzt mit dem Christuskinde im dunklen Wald vor einem klaren, von Waldesblumen umsäumten Bronnen, ihr zu Füßen musizierende und singende Engelchen voll kindlicher Naivetät und Innigkeit. Allerhand Waldgetier und Waldvögel lauschen den himmlischen Tönen; im Vordergrund links und rechts je ein Wappenschild: das eine zeigt einen Apfel, das andere eine Rose im Kreuz (beiläufig Luthers Wappen), das verlorene und wiedergewonnene Paradies andeutend. Hinter der überaus lieblichen, zarten und reinen Gestalt Marias ein Teppich und Geranke wilder Rosen, nach Art altdeutscher und altitalienischer Meister, ihr zu Häupten halten zwei Engel das Schriftband. Oben über dem Wald sieht man in hügeliger Gegend ein Kapellchen im Sonnenschein erglänzen, darüber erheben sich hohe Berge.
Abb. 110. Holde Augen sah ich blinken. Zu „Der Schatzgräber“.
Aus dem Goethe-Album. 1853–1856. Verlag von Georg Wigand in Leipzig. (Zu [Seite 69].)
Wir reihen hier das Blatt voll liebenswürdigen Humors und feiner Charakteristik ein, das „ländliche Fest“ ([Abb. 160]). Trefflich ist die Gruppe rechts, der junge Bursche, der so unbeholfen dem schüchternen Mädchen, das, die Hände auf dem Rücken, am Baume steht, einen Strauß Blumen reicht; es ist, als wenn das Mädchen sich bedächte, das freundliche Gesichtel strahlt aber doch. Lieblich sind die tanzenden Kindergruppen.
1867 erscheinen bei Heinrich Richter fünfzehn Handzeichnungen in Photographien, darunter vier italienische Landschaften mit Staffagen. Die letzteren nebst einer ganzen Reihe solcher Blätter zeichnete er, angeregt durch Berichte seiner Schüler C. W. Müller, A. Venus und Verfassers aus Rom. In einem Briefe vom 25. April 1867 schreibt er nach Rom: „Wie glücklich würde ich sein, wäre es mir möglich, noch einmal die alma Roma zu sehen und zugleich fleißig einzuheimsen, was mir früher nicht nach Wunsch gelingen wollte, weil ich noch zu unreif war ... Die römischen Erinnerungen — vielleicht die schönsten des Lebens — und die Sehnsucht, das Verlangen dahin regte sich von neuem recht mächtig in mir.“ — Er suchte seine Studien aus Italien hervor, machte sie mit kräftigeren Strichen fertiger, setzte Staffagen hinein und erging sich in Erinnerungen. Wir geben von diesen Blättern „An der Via Appia“ ([Abb. 161]) und „Brunnen bei Arriccia“ ([Abb. 162]), letzteres eine freie Wiederholung von [Abb. 17] vom Jahre 1831. In diesem Hefte finden wir auch in etwas veränderter Form die im Korn schlafenden Kinder, die er bereits früher in „Fürs Haus“ gebracht hatte: die Schwester und der Bruder sind eingeschlafen, das ihrer Obhut anvertraute kleine Geschwisterchen im Wägelchen ist in traulicher Unterhaltung mit einem Engel in lichtem Gewande. Diese Komposition hat er einmal in Aquarell ausgeführt; es ist das größte Blatt seiner zahlreichen Aquarellen. Eine Variante desselben Gegenstandes, eine köstliche Aquarelle vom Jahre 1861 geben wir hier in einer farbigen Reproduktion ([Abb. 164]). Ein lauschiges, stilles Plätzchen im wogenden, reifen Korn, das der Wind leise bewegt; silberne Wölkchen schwimmen am Himmel, auf dem sich im Korn verlierenden Pfad lauscht ein Häschen; das Brüderchen hält sein Mittagsbrot und ein Sträußchen in den Händen, Schwesterchen hat den Arm schützend über das Brüderchen gelegt. Am Tragkorb lehnt das Wasserkrügel, das Hündchen hält getreulich Wacht, links im Vordergrunde ein rieselndes Quellchen, am Feldrand ein Strauch blühender Heckenrosen, — ein Bild friedlicher, mittägiger Stille.
Gleichzeitig gab Heinrich Richter auch das „Photographische Richter-Album“ in Kabinettformat heraus, fünfzehn Originale, in der Zeit von 1858–1865 gezeichnet, die meistens schon als Holzschnitte in verschiedenen Werken erschienen waren. Wir finden hier auch eine reizvolle Variante der Komposition „Genoveva“ von 1865 und die 1858 gezeichnete Kindersymphonie.
Abb. 111. Zu Hermann und Dorothea.
Aus dem Goethe-Album. 1853–1856. (Zu [Seite 69].)
1867 starb des Meisters alter Freund, der Maler Wilhelm von Kügelgen, der Verfasser des weit bekannten Buches: „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“, der in treuester, herzlichster Freundschaft seit den römischen Jugendtagen ihm zugetan war.