Zu Anfang ließ er die jungen Schüler die ihm von früher Jugend an so lieb gewordenen landschaftlichen Radierungen J. C. Erhards oder die des geistreichen Franzosen Eugen Bleury oder solche von A. van Everdingen, A. Waterloo, H. van Svanefelt, J. de Boissieu oder Zeichnungen nach der Natur von ihm, seinem Jugendfreund Oehme oder von seinen früheren Schülern in Blei, Feder oder Aquarell kopieren. Die köstlichen Federzeichnungen von Franz Dreber bevorzugte er besonders und wußte auf das eingehendste die Schönheiten solcher Zeichnungen, das Besondere oder Eigenartige in der Auffassung des Gegenstandes, dem Studierenden klar zu machen, das Verständnis zu fördern und ihn für die Arbeit zu begeistern. Daß es ihm oft schwer wurde, mit dem weniger veranlagten Schüler etwas „anzufangen“, besagt eine Stelle aus einem Briefe: „Das Atelier macht mir jetzt wenig Freude, obwohl alle (Schüler) recht liebe Leute sind, nur zu viel Prosa und damit verstehe ich nichts zu machen.“ Wer lehrt oder gelehrt hat, gleichviel in welchem Fache, weiß, wie schwer es ist, dem weniger Veranlagten als Lehrer wirklich „etwas zu sein“. Obwohl es ihm ganz fern lag, bestimmenden Einfluß auf die Schüler auszuüben, wirkte doch die Macht der Persönlichkeit des edlen Meisters auf die Nachstrebenden. Er wußte, wie wenige Lehrer, das heilige Feuer der Begeisterung in seinen jungen Schülern anzuzünden und ihnen die Augen zu öffnen für das Verständnis der altdeutschen Meister, vor allem der Brüder van Eyck, Memmlings und Dürers, der großen Niederländer Rubens und Rembrandt, für Holbein und den großen Venezianer Tizian, ganz besonders aber für die Romantiker, Schwind obenan. Wie verstand er, die Schüler für seine Kunstideale zu erwärmen und sie auf die eigentlichen Aufgaben wahrer Kunst hinzuweisen! Gern zog er hierbei das Gebiet der Literatur, in dem er wohl bewandert war, mit heran und versuchte, Kunst und Literatur mit- und durcheinander vergleichend, seine Anschauungen zu begründen. Durch derartige Belehrungen, an welche sich oft die eifrigsten Disputationen anschlossen, wurde so manches Samenkorn in die jungen Künstler versenkt. — Solcher höchst anregender Gespräche erinnere ich mich gern; sie fielen meist in die Zeit der beginnenden Abenddämmerung, in welcher der würdige Meister des öfteren zwanglos zum Atelier kam, das neben seiner Wohnung lag, im üblichen grauen Hauspelz, mit der langen holländischen Tonpfeife. — Das Studium der Natur war ihm das Wichtigste, und wenn der Frühling eingezogen war, litt er keinen der Schüler mehr im Atelier, dann mußten sie hinaus und sammeln und arbeiten für den Winter. Es gehörte gewissermaßen zu den feierlichen Momenten, wenn im Spätherbst das ganze Ergebnis der Arbeiten des Sommers dem Meister vorgelegt und etwaige Pläne zur Verwertung der Studien besprochen wurden, sofern nicht schon Entwürfe für Bilder nach den Studien vorhanden waren. Mit wenigen Worten wußte er die Phantasie anzuregen und Fingerzeige zu geben, in welcher Art dies oder jenes Motiv, sei es durch Beleuchtung oder Staffage, künstlerisch zu gestalten und zu verwerten sei. Oft griff er dabei ein und rückte, mit sicherster Hand ordnend, die Pläne zusammen, und man konnte sicher sein, daß es dann das Rechte war. Nach den alten Meistern in der Gemäldegalerie mußten die Schüler skizzieren und kopieren. Das Studium der menschlichen Figur hielt er für unerläßlich nötig und äußerst wichtig für den Landschaftsmaler; er betonte, wenn er zu diesem Studium dringend ermahnte, wie die Figurenmaler aller Zeiten doch eigentlich das weitaus Hervorragendste in der „Landschaft“ geleistet, und wies dabei immer besonders auf Tizian hin. Die historische Landschaft war ihm die höchste Aufgabe (nur wollte er von dem „Poussinschen Rezept“ nichts wissen), er freute sich herzlich, wenn er unter vorgelegten Entwürfen solche sah, die aufs „Historische“ hinzielten. Der Hoffsche Katalog zählt fast die ganze Reihe seiner Schüler aus der Dresdener Zeit auf. Schon an früherer Stelle wurde einer seiner ersten Schüler in Dresden, Dreber, als der talentvollste, und Hasse genannt. Mehrere sehr veranlagte Schüler, Heinrich Müller, W. von Döring, L. Nitzschke und H. Lungwitz, gingen Ende der 40er Jahre, ihrem Freiheitsdrange folgend, nach Amerika. Von den Schülern aus den sechziger Jahren seien nur Adolf Thomas, C. W. Müller und Albert Venus, aus dem Anfang der siebziger Jahre Rudolph Schuster genannt. Letzterer hat auch eine Reihe tüchtiger Ölbilder in Düsseldorf, Stuttgart, Berlin usw. gemalt, wurde aber durch Krankheit vielfach an freierer Entfaltung seines Talentes verhindert. Das betrifft die Landschaftsschule. Eine eigentliche Schule für das Illustrationsfach hat Richter nicht gemacht. Wie und was sollte er hier auch lehren? Sein Schaffen darin hatte etwas „Unbewußtes“, „wie der Blütenbaum, der von seiner Pracht nichts weiß“. Aber anregend und befruchtend hat er auf das ganze Illustrationsgebiet und auf die Entwickelung des Holzschnittes gewirkt. Ein Richterscher Holzschnitt mit seinem kräftigen gesunden Strich wirkt heute nicht veraltet, er hält sich neben der sonst so anders gewordenen Art und dem später herrschenden Streben, die diesem Kunstfache gezogenen Grenzen zu verschieben, die einfache schlichte Art der Formengebung durch dem „Kupferstich“ ähnliche Tonwirkung zu steigern. Gegenwärtig ist der Holzschnitt ebenso wie der Kupferstich durch die verschiedenen mechanischen Reproduktionsverfahren fast ganz verdrängt. Der Holzschnitt dient fast ausschließlich nur noch der Industrie, der Kupferstich wird noch mühsam durch die Kunstakademien über Wasser gehalten. Nur die Radierkunst wird seit längerer Zeit wieder eifriger gepflegt.

Abb. 138. Psalm 65. Aus „Fürs Haus“. 1860. (Zu [Seite 75].)

Abb. 139. Gefunden. Aus „Fürs Haus“. 1861. (Zu [Seite 75].)

Abb. 140. Schlachtfest. Aus „Fürs Haus“. 1861. (Zu [Seite 75].)

Abb. 141. Bürgerstunde. Aus „Fürs Haus“. 1861. (Zu [Seite 75].)

Unser Altmeister fühlte sich in den letzten Jahren seines Lebens mehr und mehr vereinsamt, er schreibt zu Anfang des Jahres 1871 nieder: „Unsereins fühlt sich jetzt als Künstler unter seinen Berufsgenossen wie ein Fremdling, welcher die Sprache der anderen nicht versteht und von ihnen nicht verstanden wird. Was man schätzt und liebt und hochhält, daran geht die jüngere Generation kalt und unberührt vorüber; was sie hochpreist und entzückt bewundert, erregt unsere Teilnahme wenig.“ Weiter schreibt er auch 1882: „‚Propheten und Sibyllen male ich nicht, denn ich habe noch keine gesehen‘, sagte N. N. Freilich laufen in den Gassen der Stadt keine mehr herum, aber eben der ideale Mensch sieht sie in seinem Innern und etwas von ihnen zuweilen auch außen. Vor allem muß er aber eine Verwandtschaft mit ihnen selbst haben; denn in dieser Sphäre kann sich nur das Verwandte wirklich erkennen.“ Am 15. August 1870 schreibt er an seinen Freund Thäter in München: „Ich komme mir jetzt vor wie ein Schauspieler, der, von der Bühne heruntergestiegen, in den Reihen des Publikums sitzt und sich nun von anderen Kollegen was vorspielen läßt, denn meine künstlerische Tätigkeit reduziert sich beinahe auf Null — teils, weil meine Augen so schlecht geworden, auch die Hand sehr unsicher ist, hauptsächlich aber, weil die Phantasie sehr lange ausruht, ehe sie wieder einmal — nicht zum Auffliegen — nein, nur zum Aufstehen kommt. Die nervösen Zufälle im vorigen Jahre haben mich nun in der Tat alt gemacht; das fühle ich, und schon lange gehe ich mit dem Gedanken um, mich pensionieren zu lassen und ganz vom Kunstschauplatz zurückzuziehen; wenigstens von den akademischen Tätigkeiten, die mir keine Freude machen und in welchen ich vermöge meiner Kränklichkeit nicht mehr belebend wirksam sein kann. Es muß junges Blut an die Stelle der Alten.“ — In den Lichtungen des Loschwitzer Waldes wurde mit Eifer an den Sonntagnachmittagen, wenn die zahlreichen Glieder der Familie versammelt waren, Boccia gespielt, jenes bekannte italienische Spiel, bei dem mit Holzkugeln nach einem Ziele, dem Lecco, geworfen wird. Wie war der Altmeister mit Interesse dabei, selbstverständlich aber nie leidenschaftlich erregt, immer gleich freundlich und liebenswürdig!