Abb. 170. Wen solche Taten nicht erfreuen. 1868.
(Zu [Seite 90].)

Von Cornelius’ Kunst hatte er immer einen mächtigen Eindruck. Mit ungewöhnlichem Interesse stand er Mitte der siebziger Jahre, als er von einem Aufenthalt auf Sylt auf der Rückreise Berlin berührte, vor den Camposantokartons in der Nationalgalerie. Die Cornelianischen „Nachtreter“ lehnte er ab; hier sah er sicher und klar, was „Eigenes“ war, und zitierte oft scherzend, wenn er vor „cornelianisch“ sein sollenden Kompositionen stand: „Wie er sich räuspert und spuckt, das haben sie ihm glücklich abgeguckt.“ Besonders hoch hielt unser Meister auch die Werke von Ludwig Knaus. Bei Gelegenheit eines Besuches in der Privatgalerie von Johann Meyer in Dresden, wo die beiden Bilder „Durchlaucht auf Reisen“ und die „Beerdigung auf dem Lande“ dieses größten deutschen Genremalers des neunzehnten Jahrhunderts sich befinden, wurde er nicht müde im Betrachten, kam auch immer wieder auf diese beiden Werke zurück. Die treffliche Charakteristik in beiden Gemälden, die scharfe Beobachtung, die Individualisierung jeder einzelnen Gestalt, und nun gar der liebenswürdige Humor in „Durchlaucht auf Reisen“ und die meisterhafte Durchführung beider Bilder machten den größten und nachhaltigsten Eindruck auf ihn. Das in der Dresdener Galerie befindliche Bild von Knaus „In der Kunstreiterbude“, die Unterhaltung eines Roués mit einer „Kostümierten“, war ihm des dargestellten Gegenstandes wegen unsympathisch; er war darüber ungehalten, daß man von diesem von ihm so hochgeschätzten Meister gerade dieses Bild erworben hatte. Über die Ausstellung in München 1869 schreibt er: „Mich interessierten nur die Bilder von Knaus und Steinles ‚Christus geht bei Nacht mit den Jüngern‘ und sein herrlicher Karton in Farben: ‚Schneeweißchen und Rosenrot‘. Ähnliches möcht’ ich machen!“ Für die Landschaften von C. F. Lessing aus dessen früherer Periode hatte Richter eine besondere Vorliebe; im Städelschen Institut in Frankfurt a. M. befindet sich ein Bild von diesem Meister: Unter schattigen Bäumen am Brunnen ruht ein Ritter, draußen sieht man auf braune, im Mittagssonnenschein glänzende Heide; dahinter dunkler Wald. Dieses Bild liebte er sehr, er besaß eine kleine Nachbildung davon, die er gern und mit großer Freude betrachtete.

Abb. 171. Den Stammtischgenossen. 1870.
(Zu [Seite 90].)

Sein Haus war schlicht und einfach, ebenso sein Tisch anspruchslos bürgerlich; er sah gern einen oder zwei Tischgäste bei sich, selbstverständlich möglichst Nahestehende aus der Verwandtschaft, dann war er ungeniert und konnte in dem gewohnten Hauspelz sitzen. Das kurze Tischgebet sprach er schlicht und einfach, daß man ihm mit Ehrfurcht folgen mußte. Bei Tisch pflegte er eine gleichmäßig freundliche Unterhaltung und würzte das Mahl durch manchen trefflichen Gedanken, dabei immer demütig und voll innerster und wahrster Herzensgüte. Seit einer Reihe von Jahren sorgte ein Hamburger Kunstfreund (ich denke, es ist in dessen Sinne, wenn ich seinen Namen verschweige) für vorzügliche Weine und sonstige Stärkungsmittel, deren sein hohes Alter bedurfte. Wenn er solch kostbaren Stoff kredenzte, gedachte er stets mit rührender Dankbarkeit, aber immer im Gefühl des Unverdienten, des freundlichen Spenders. Ebenso einfach waren die Abende bei ihm; vor dem Abendtisch wurde eine, auch zwei Stunden lang vorgelesen; das Gehörte gab beim Abendessen Stoff zu anregender Unterhaltung. Der Meister war oft heiter, erzählte gern fröhliche Episoden aus seinem oder seiner Freunde Leben, ließ oft seinem wirklich guten und echten Humor, den er in hohem Maße besaß, freien Lauf, hörte aber auch gern zu. Nach Tisch wurde dann weiter gelesen, er saß dabei im bequemen grauen Hauspelz in seiner Sofaecke, über den Augen einen großen, grünen Schirm, die Hand am Ohr, da er schließlich auch schwerer hörte; so konnte er stundenlang dem Vorleser zuhören und war stets mit regstem Interesse dabei, sprach oft dazwischen, geistreich und lebendig anknüpfend an irgendwelche Stelle des eben Vorgelesenen.

Abb. 172. Melusine am Brunnen. 1870. (Zu [Seite 90].)

Abb. 173. Sitzendes Mädchen. (Zu [Seite 93].)