Abb. 181. Sommer. Aus „Bilder und Vignetten“. 1874.
Verlag von Alphons Dürr in Leipzig. (Zu [Seite 95].)
Rom zog Ende der dreißiger Jahre die Zügel sehr straff an; besonders bei den „Mischehen“ wurde die seitherige Milde aufgegeben und durch Strenge ersetzt; der Fürstbischof von Breslau, Graf Leopold Sedlnitzky von Choltitz, legte infolge dieser strengen Richtung sein Amt nieder. Wir wissen nicht, inwieweit dieses Vorgehen Roms auch auf Richters Haus und Familie einwirkte, seine Kinder (seine Frau war Protestantin, und er war mit ihr in der protestantischen Kirche getraut) hat er protestantisch erzogen. Dabei blieb er immer ein Glied der katholischen Kirche, er stand aber, wie ich schon sagte, über den Grenzen der Konfessionen. Später fand er auch in den protestantischen Predigten, als eine neue, ihm sympathischere Richtung Platz gegriffen, viel Erbauung. Bis um die Mitte der siebziger Jahre hörte er an Sonntagen oft Predigten in der protestantischen Hofkirche, der Frauen- und Annenkirche in Dresden, des öfteren habe ich ihn begleitet. Er stand im Verkehr mit hervorragenden protestantischen Theologen, weilte, wie bereits erwähnt, oft in Boll bei Blumhardt. Für die Selbstbiographie des Grafen Leopold Sedlnitzky (Berlin, W. Hertz) hatte er großes Interesse; die schonende Art des Grafen gegenüber der katholischen Kirche, die seinem endlichen Übertritt zur evangelischen Kirche (1863 in Berlin) vorangegangene lange innerliche Vorbereitung waren Richter besonders sympathisch. Der Sohn schreibt in den Nachträgen zur Biographie, „daß Richter in den letzten Lebensjahren sich mehr an die katholische Kirche anschloß und Sonntags nicht, wie früher, einer protestantischen Predigt, sondern der Messe in der katholischen Hofkirche beiwohnte, gab in den ihm näher stehenden Kreisen Anlaß zu der Vermutung, es habe sich — vielleicht unter äußerer Beeinflussung — in seinen religiösen Anschauungen eine wesentliche Wandlung vollzogen. Diese Meinung ist nicht zutreffend. Der von kirchlichem Dogmatismus ganz unabhängige praktische Kern seines Christentums ist allzeit unverändert geblieben, nur die Formen, Ausdrucksweisen und Bedürfnisse seines religiösen Lebens haben im Laufe der Jahre unter äußeren und inneren Einflüssen Wandlungen durchgemacht.“ Der Sohn läßt sich hierüber noch des weiteren aus; es seien denjenigen, die sich dafür noch besonders interessieren, die letzten Seiten der „ergänzenden Nachträge“ zum Nachlesen empfohlen.
Abb. 182. Alles mit Gott.
Aus „Bilder und Vignetten“. 1874. (Zu [Seite 95].)
Abb. 183. Kindergruppe.
Aus „Bilder und Vignetten“. 1874.
(Zu [Seite 95].)
Abb. 184. Kindergruppen.
Aus „Kinderengel“ 1858 und „Bilder und Vignetten“ 1874. (Zu [Seite 95].)
Die letzten Lebensjahre verbrachte er in stillster Beschaulichkeit. Als es mit seinem künstlerischen Schaffen zum Stillstand gekommen war, wurde die Ausnutzung der Tagesstunden selbstverständlich eine ganz andere. Nach Beendigung der Morgenbetrachtungen brachte er einige Stunden an seinem Arbeitstisch zu, ordnete Mappen, schrieb die notwendigsten Briefe mit vieler Mühe, wenn es die geschwächten Augen gestatteten, ging vor Tisch auf Anordnung des Arztes spazieren und, wenn es das Wetter erlaubte, meist nach dem „Großen Garten“. Ich sehe ihn noch greifbar vor mir: die stattliche, würdige Erscheinung, in etwas vorgebeugter Haltung, den Stock in der Hand, mit meist offenem Überrock, so schritt er auf der Straße dahin, mit seinen schwachen, aber so freundlichen Augen ins Ungewisse hinausschauend; das silberweiße Haar leuchtete unter dem schwarzen, breiten Filzhut hervor, aus dem schwarzseidenen Halstuch lugten die spitzgeschnittenen kleinen Stehkragen (sogenannte Vatermörder), man sah ihm schon von weitem den bedeutenden, aber schlichten und bescheidenen Mann an. Wir finden in seiner Biographie eine Aufzeichnung vom 19. Februar 1883, die uns einen solchen Spaziergang schildert: „Wie gewöhnlich ging ich gegen Mittag nach dem ‚Großen Garten‘. Der Himmel war bedeckt und alles so still. Da ertönte aus einiger Entfernung von den noch dürren Baumwipfeln ein ‚witt, witt, witt‘, und zugleich ließ ein kleines Vögelchen sein eifrig lustiges Gezwitscher aus dem Gebüsch neben mir laut werden. Als dritte Stimme klang aus der Ferne das Gurren einer Waldtaube. Dann ward es wieder ganz still, — das war die erste Frühlingsahnung in diesem Jahre, der erste Gruß eines kommenden Frühlings, der mir in die Seele drang. Ich setzte mich auf eine Bank unter den großen Eichen, brannte mir eine Zigarre an zur Vollendung der Frühlingsfeier, und dabei umschwärmte ein Kreis kleiner Mücken das aufsteigende Rauchwölkchen.“ Eine friedliche Seelenstimmung klingt aus dieser kurzen Aufzeichnung heraus; Frieden lag so wohltuend über ihm ausgebreitet bis an sein Ende. Vom 6. März 1883, kurz nach dieser Tagebuchaufzeichnung, ist die einem bestimmten Zweck dienende Skizze, zu der er, die Stellung selbst angebend, eine Viertelstunde saß ([Abb. 190]). Vom 1. April 1884 ist der angefügte Brief, der letzte, den ich vom teuren Meister erhielt. Er sendet gleichzeitig das Märzheft der „Deutschen Rundschau“ mit einem größeren Aufsatz von Herrmann Grimm: „Cornelius betreffend“ zurück. Bedauerlich ist, daß er seine Gedanken über das in dem Aufsatz herangezogene Bild von E. von Gebhardt nicht mehr niederschreiben konnte. Anfang des Jahres 1884 überwies des Meisters Sohn dem königlichen Kupferstichkabinett in Dresden eine kostbare Sammlung von Probedrucken der Holzschnitte des Meisters in neun von Hoff geordneten Bänden.