Er wollte Lydias Bildnis vor sich erscheinen lassen, so wie sie in den ersten Tagen nach ihrer Hochzeit war, — ein schüchternes Mädchen, ein schamhaftes Weib, das in dem für sie Unsagbaren unvernünftig wurde. Und er sah ihr Zimmer wieder in irgend einem Hotel an der Riviera, sah deutlich, die Spitzen an den Bettkissen und in dem rosigen Licht des elektrischen Lämpchens inmitten der zerdrückten Pfühle ihren zerbrechlichen und fast kindlichen Körper. Und wieder bedeckte er ihn mit beseligten Küssen, küßte jeden Muskel, jedes Haar, dabei die berauschenden Worte: du bist mein! du bist mein! wiederholend, und von neuem die ganze naive Ekstase ihrer nur unklar zum Durchbruch kommenden Sinnlichkeit mit ihr durchlebend.
Und gleichzeitig ließ er ein anderes Gesicht Lydias erscheinen, eines, wo sie im Augenblick der letzten Verzweiflung, verwundet von Eifersucht, nackt auf den schneebedeckten Hof herauslief, auf der Freitreppe hinstürzte, so daß aus ihrem zerschlagenen Kopfe das Blut strömte. Und wieder hob er sie auf seine Hände und trug sie ins Haus; zwei irrsinnige ungläubige Augen, die plötzlich förmlich nur aus der Iris bestanden, sahen ihn an. Sie war ganz wie ein vergiftetes Tierchen und in seiner Seele war nichts, außer dem unersättlichen Mitleid zur Geliebten, außer dem zärtlichen Hunger, ihr ein grenzenloses Glück zu geben und in ihm wie in den Strahlen der Sonne zu zerschmelzen.
Doch sei dies nicht Lydia, — o würde in seinen Händen der entblößte, völlig nackte Leib Maras zittern in einer jener heimlichen Zusammenkünfte, welche die beiden aus der Welt der Lebenden völlig hinausrissen und sie auf einen anderen und entfernten Planeten trugen. Und wieder ergriff ihn das Verlangen der Entrückung, das er immer noch so gut kannte, wenn er mit ihr war, das Verlangen nach etwas größerem als Küsse, als Zärtlichkeiten, als die leidenschaftliche Hingabe seiner selbst; das Verlangen, mit seinem ganzen Leben
in sie einzudringen und wiederum ihr ganzes Wesen in sich aufzunehmen. In seinen Augen lagen so berückend die Linien ihres Leibes und das eigentümliche quälend-erwünschte Atmen dieses Leibes floß förmlich in seine Nasenflügel und Lippen wie ein scharf berauschendes Getränk.
Und wieder sind sie einander nah. Und wieder entsteht die Qual der sinnlichen Verzückung. Sie wächst, sie geht bis an alle Grenzen, sie verwandelt sich in Wut und Haß. Und da stoßen auch beide schon mit Abscheu einander von sich. Als ob sie erwacht wären, sehen sie sich voll Entsetzen an und jedem ist es unerträglich, mit dem andern zu sein. Einer erkennt im andern seinen ewigen, seinen vorher bestimmten Feind, und all die beleidigenden Worte der Schmähung, welche nur der Haß ihnen zuflüstern kann, kommen auf ihre Lippen. Sie schämen sich ihrer Nacktheit. Seine Blicke sind ihr eine Schmach, und erniedrigend scheint ihr seine Berührung. Und auch er will sich auf sie werfen, sie schlagen, töten, töten . . .
Doch dies ist schon nicht mehr Mara. Kett steht vor ihm, hoch, schlank, jungfräulich, unberührt. Sie kam zu ihm, wie sie so oft schon früher in dieses Kabinett kam, wenn alles im Hause schlief, um ihm noch einmal zu sagen, daß sie ihn liebt, nur ihn ersehnt, aber niemals sich ihm hingeben wird. Durch ihre Augen sieht er in ihre Seele. Und der frühere Glaube, daß mit ihr, nur mit ihr es ihm möglich wäre, den unsagbaren und unerforschten Segen zu erlangen, daß sie, nur sie alle die geheimsten Wünsche seines Wesens in ihrer dunklen Begeisterung errät, läßt ihn wieder sich ihr zuneigen, und wieder ihr die einzigen unwiederbringlichen Worte sagen. Und da neigen sich auch schon, als ob es wider ihrem Willen geschieht, ihre Gesichter einander zu und von neuem erstehen die alten wütenden Küsse, welche die Lippen blutig zerspringen lassen. Die Hände verschlingen sich in Umarmungen, die fast wie Schmerz sind, vereinigen sich wie Ringe; sie fallen auf den Fußboden und pressen ihre Kniee aneinander. Und wie Feinde in einem Walde, so kämpfen sie. Er bricht ihre Hände, und sie beißt ihn wie
eine Katze. Das verhaltene Atmen geht zu Schreien über. Wie metallene Federn springen sie plötzlich jäh auf; sie mit zerrissenen Kleidern, er mit entblößter Brust. Er wirft sich in einen Sessel, sie verschwindet wie ein Schatten . . .
Gesichter der Wirklichkeit, Gesichter des Vergangenen kreisen wie Schneeflocken hinterm Fenster. Und abwechselnd beugen die drei Frauen über ihn ihre Gesichter, die bald glücklich sind, bald berauscht, bald von Verzweiflung verzerrt, bald wahnsinnig, bald beleidigend verächtlich. Er hört Worte der Liebkosungen und erbitterte Vorwürfe. Und er will, er will das alles: wie dies Glück, so auch diese Qual. Er dreht sich mit diesen Frauen in trunkenem Tanze, bald preßt er sich an ihre entblößten Brüste, bald verhüllt er die Augen vor ihren wilden Schlägen. Das Tempo des teuflischen Walzers wird immer rascher und schon ist er kraftlos, und schon ist er kraftlos, ihm zu folgen.
Ein Windstoß schlägt heftig ans Fenster. Nikolai erwacht auf einen Augenblick. Seine Hand fährt über die Stirn. Die Bilder waren so deutlich, daß er wie nach einer körperlichen Anstrengung in seinen Händen eine Schwäche fühlt. Oder sollte er sich auf dem Wege ernstlich erkältet haben? Er trinkt ein Glas starken Wein und Feuerströme fließen durch seine Adern.
Hinterm Fenster heult der Sturm seinen ungeheuerlichen Walzer. Und nichts ist dort zu sehen, außer dem Netz aus weißen Punkten.