— Kett! Kett! sprich nicht so zu mir. Sage mir nichts. Ich bin müde, ich bin kraftlos. Ich weiß ja selbst nichts. Laß mich mit dir sein, nur in deiner Nähe sein, nur fühlen, daß du meine Seele begreifst.

Sie befreite ihre Hände aus den seinen und entwand sich ihm.

— Deine Seele? Ja, ich begreife deine Seele! Habe sie zwei Jahre beobachtet. Sie hat von allem ein wenig nötig. Ein wenig meiner Liebe, ein wenig der Zärtlichkeit meiner einen Schwester, und ein wenig der Leidenschaft meiner anderen Schwester. O, wenn du doch nur einmal etwas ganz verlangen würdest! Wenn auch nicht mich, so doch etwas Ganzes, etwas bis zum Ende! Ach selbst, wenn du gewagt hättest, zu entfliehen! Doch du fuhrst bis zur Station und kehrtest zurück. Wie sieht das dir ähnlich!

Sie sprach hart und kalt. In ihrer Stimme waren Befehle des Höheren zum Niederen. Unendliche Trauer, unendliche Bitterkeit, unendliche Beleidigung erfüllten die Seele Nikolais. Und noch immer hielt er ihre Hände fest, obgleich er ihr rauh und mitleidlos antworten wollte.

— Wie aber, wenn du dich täuschest? fragte er sie. Wie, wenn ich zu lieben verstehe, wie du niemals geliebt hast? Mir genügt deine reine klare kristallene Seele nicht! Mir genügt dein geschlechtloses Gefühl nicht! Ich begehre auch

nach jener Zärtlichkeit und jener Leidenschaft. Ihr selbst zerreißt meine einige, lebendige Liebe in drei Teile, und verwünscht dann die Kleinheit der blutenden Fetzen. Es ist an mir, eure Kleinlichkeit, eure Enge zu verachten. Ja, ich kehrte zurück, doch ich tat es, um zu sagen, daß ich nicht mehr euer Sklave bin, daß ihr mich nicht mehr beherrscht.

Hochmütig lächelnd entgegnete ihm Kett:

— Mir ist jetzt alles gleich. Ich verlange nichts mehr von dir. Ich träumte einmal davon, die ganze Fülle der Liebe zu erblicken. Ich hatte den sinnlosen Traum, die Liebe über alles siegen zu sehen, — über Leidenschaft, Mitleid, über das Bedingte. Doch du wagtest es nicht, deine Liebe mir hinzugeben, weil es dir furchtbar war, deine Frau zu betrügen: sie würde vielleicht vor Schmerz sterben! Du wagtest es nicht, deine Liebe mir hinzugeben, weil es dir schwer wurde, dich von den Küssen meiner anderen Schwester zu trennen! Und ferner, — dich hinderten die verschiedenen Bedingungen des Lebens! Und so entbinde ich dich von allen Schwüren, die du an mich verschwendet hast. Wenn ich mein Wesen nicht jener Liebe, die ich suchte, hingeben konnte, so werde ich es dem Tode geben, den ich will. Leb wohl!

Die Worte Ketts verwundeten Nikolais Seele wie kleine Pfeile. Schon lag er nicht mehr vor Kett auf den Knien. Zwischen ihnen war der Tisch. Seine Hände fest an seine Brust drückend, bemühte sich Nikolai gleichfalls hart und kalt zu sprechen:

— Warum heuchelst du? Glaubst du, ich hätte nicht schon lange den wirklichen Sinn deiner großen Worte erraten? Du willst einfach deine Mädchenunschuld bewahren. Du fürchtest die Sünde, dich dem Manne deiner Schwester hinzugeben. Du hütest deine erste Nacht für deinen gesetzlichen Ehegatten.