Da bog sich Kett über den Tisch, näherte ihr Gesicht dem Nikolais, so daß er in ihrer Iris sein Bild sah. Und dieses Mal waren in ihrer Stimme Wut und Spott:

— Glaubtest du denn, daß ich dich liebe? Glaube es nicht:

ich experimentierte nur! Ich wollte nur in deiner Seele die Flamme der wahren, alles verzehrenden Liebe sehen. Nun ja! der Versuch ist nicht geglückt! Ich habe mich umsonst gezwungen, deine Küsse zu ertragen. Ich habe umsonst das Zittern des Abscheus bekämpft, wenn ich dir erlaubte, mich zu umarmen. Deine Seele war noch kleiner und enger als selbst ich es erwartete. Triumphiere, — du hast mich betrogen, da du dich größer und würdiger anstelltest, als du tatsächlich warst.

Sie begann zu lachen.

So standen sie im Triebe gegenseitigen Hasses einander aufs neue wie schon viele Male im Leben gegenüber und schleuderten sich Beleidigungen zu. Vor Nikolais Augen war es wie ein Nebel, und Ketts Bildnis verschwand bald, um dann aufs neue zu erstehen. Und schon wußte er nicht, ob sie zu ihm die wütenden Flüche sprach, oder ob er sie für Kett sich selbst sagte.

Wie Gewitterschein fiel plötzlich ein seltsamer Gedanke in die Weiten der Erkenntnis Nikolais. Scheu und ungläubig streckte er seine Hand aus und berührte ihre Hände.

— Kett! Kett! Bist du dies? fragte er. Oder bist du eine Erscheinung? Es ist ja nicht möglich, daß du mir das alles sagen kannst. Es sind doch dieselben Gedanken, die ich heute auf dem Wege durch die Schneefelder dachte? Du konntest ja nichts von dem wissen? Antworte mir!

Und sehr unerwartet, mit sehr verändertem Gesicht, mit unendlicher Zärtlichkeit, mit der letzten Liebkosung antwortete Kett:

— O, natürlich, natürlich, ist das alles Lüge! Es ist nur das eine wahr, daß ich dich liebe, doch ich darf nicht mit dir sein. Und so kam ich her, dir meine Liebe beweisen.

Nikolai erblickte in Ketts Hand einen Dolch. Sie führte die Schneide an ihre Lippen und küßte sie. Dann öffnete sie das Kleid. Langsam stieß sie den Dolch dort hinein, wo ihr Herz schlagen mußte. So stand sie noch einige Augenblicke, bleich und mit geöffneten Lippen. Dann fiel sie hin.