zu sehen! Und war nicht ein leichtes Scheinen um diesen Kopf wie bei den Heiligen der raphaelitischen Bilder?
Er lehnte seine Wange an Lydias Hand und gehorsam sagte er:
— Ja Lydia, ich bin krank, bin müde, sehr müde. Doch nicht vom heutigen Tage, aber vom ganzen Leben. Ja, nimm mich, ja, führe mich fort. Doch nicht nur aus diesem Zimmer, aber aus den Qualen meines Lebens. Ich ziehe mich zurück. Ich erkläre mich für besiegt. Rette mich, da du allein mich retten kannst.
Ihre Augen füllten sich leise mit Tränen. Kraftlos sank sie zu seinen Füßen nieder, bettete ihren Kopf auf seine Knie, flüsterte ihm zu:
— Jetzt bittest du mich um Hilfe. Aber dachtest du an mich in jenen Monaten, wo ich tags und nachts mit dem Kopf an die Wände schlug, wo ich stundenlang auf dem Fußboden lag, im Verlangen, tiefer zu fallen, noch tiefer. Wenn es dir in den Kopf kam, mich zu liebkosen, dachtest du daran, daß ich vor Trauer fast verrückt wurde? Aber du verlangtest, daß ich lächeln sollte; du fragtest, ob ich nicht glücklich wäre und warum ich mich nicht freue, daß ich mit dir sei? Gehorchend wurde ich fast zu einem Automaten. Ich lernte lachen, wenn du mein Lachen wolltest, lernte Worte sprechen, die du mir vorsagtest. Alles, was in mir mein war, mein Eigenstes, rissest du heraus. Du hast meine Seele verwüstet, was erwartest du jetzt noch von mir?
Wie in einem Anfall plötzlichen Schmerzes preßte Nikolai ihre Hände. Antwortete voller Trauer:
— Ich werde nicht lügen. Ich habe dir nichts zu geben und will dir alles nehmen. Ich bitte dich um ein Opfer, eine Tat. Ich werde niemals aufhören, jene, die anderen, zu lieben. Und zuweilen werde ich dich darum hassen, weil du nicht sie bist und nicht ihre Worte und Liebkosungen kennst. Doch du zeige mir die ganze Grenzenlosigkeit der Liebe. Sei mein Schicksal, meine Gnade, mein Segen. Sei mir eine Mutter. Sei mir eine ältere Schwester. Wiege mich ein mit
zärtlichen Händen. Streichle mit ihnen mein Herz, — es hat so nötig die Berührung zarter Finger.
Ihr Atem ging unmerklich in Schluchzen über. Sie zitterte auf seinen Knien, die Kleine, die Hilflose.
— Zu spät! sprach sie durch Tränen. Monate und Monate hindurch erwartete ich diese Worte. Mit letzter Anstrengung hielt ich in mir die versiegenden Quellen der Liebe und Verzeihung zurück. Ich sagte mir: er wird zu mir kommen, ein Unglücklicher, Zerquälter und ich werde alles vergessen und ihm alles sein, was er nur verlangt. Doch du kamst zu mir mit Lippen, die noch heiß waren von anderen Küssen, suchtest in mir nur ein anderes, als in den anderen, verlangtest, daß ich in deinem Leben eine Dekoration wäre. Und vergebens sprach ich noch zu mir: das wird morgen sein . . . Aber ich weiß selbst nicht, es flossen unbemerkt die letzten Tropfen aus mir, es verwehte der letzte Rausch. Ich bin eine Wüste. Ich bin nur ein Schatten. Was könnte ich dir geben?