Die Konstitution der Republik schien äußerlich die völlige Verkörperung von Volksherrschaft darzustellen. Als die einzig voll berechtigten Bürger galten die Arbeiter der metallurgischen Fabriken, die etwa 60 Prozent der Bevölkerung bildeten. Diese Fabriken waren Staatseigentum. Das Leben der Arbeiter auf den Fabriken war nicht nur mit allen möglichen Bequemlichkeiten ausgestattet, sondern sogar luxuriös. Zu ihrer Verfügung standen außer den wundervollen Räumlichkeiten und einem erlesenen Tische noch die verschiedensten Bildungsmittel und Zerstreuungen: Bibliotheken, Museen, Theater, Konzerte, Säle für alle Arten Sport usw. Die tägliche Zahl der Arbeitsstunden war eine äußerst geringe. Um Erziehung und Bildung der Kinder, um medizinische und juristische Hilfe, um Gottesdienst aller Religionen bekümmerte sich die Regierung. Die in der Befriedigung aller ihrer Nöte, ihres Bedarfes, ja selbst ihrer Wünsche ganz sorglos gestellten Arbeiter der staatlichen Fabriken erhielten allerdings für ihre Arbeit keine Geldentschädigung; doch die Familien der Bürger, die mehr als 20 Jahre auf einer Fabrik gedient hatten, wie auch jene der im Dienste gestorbenen oder arbeitsunfähig gewordenen, erhielten eine reiche lebenslängliche Pension unter der Bedingung, die Republik nicht zu verlassen. Aus der Zahl der Arbeiter wurden auf dem Wege allgemeiner Stimmabgabe Vertreter gewählt für die gesetzgebende Kammer der Republik, die alle Fragen des politischen Lebens im Lande entschied, ohne allerdings das Recht zu haben, es in seinen Grundgesetzen zu verändern.
Dies demokratische Äußere verhüllte eine rein selbstherrliche Tyrannei der Mitglieder und Begründer des früheren Trustes. Den anderen die Plätze der Deputierten in der Kammer überlassend, wählten sie immer nur ihre Kandidaten zu Direktoren der Fabriken. In den Händen des Rates
dieser Direktoren konzentrierte sich das ganze ökonomische Leben des Landes. Sie empfingen alle Bestellungen und verteilten sie an die Fabriken; sie kauften Material und Maschinen für die Arbeit; sie führten die ganze Haushaltung in den Fabriken. Durch ihre Hände flossen ungeheure Summen Geldes, die nach Milliarden zählten. Die gesetzgebende Kammer hatte immer nur die ihr vorgelegten Quittungen der Ausgaben und Einnahmen in der Fabrikverwaltung zu bestätigen, obgleich oftmals die Balance dieser Quittungen das ganze Budget der Republik weit überwog. Der Einfluß des Direktorenrates auf die internationalen Verhältnisse war ungeheuer. Seine Entschlüsse konnten ganze Länder arm machen. Die Preise, die er aufstellte, bestimmten den Verdienst von Millionen arbeitender Menschen auf der ganzen Erde. Gleichzeitig war, wenn auch nicht so direkt, der Einfluß des Rates auf die inneren Geschicke der Republik immer entscheidend. Die gesetzgebende Kammer vollstreckte im Grunde nur gehorsam den Willen des Rates.
Diese Gewalt konnte der Rat nur durch ein unerbittliches Reglement des ganzen Lebens im Lande in seinen Händen erhalten. Bei anscheinender Freiheit war das bürgerliche Leben bis herab zu den kleinsten Kleinigkeiten normiert. Die Gebäude aller Städte in der Republik wurden nach ein und demselben vom Gesetz bestimmten Muster gebaut. Die Ausstattung aller Räumlichkeiten, die den Arbeitern zur Verfügung standen, war bei all ihrer Pracht doch aufs strengste einförmig. Alle erhielten die gleiche Speise zur gleichen Stunde. Die Kleidung, welche die Staatsspeicher hergaben, war unveränderlich und immer zehn Jahre von gleicher Art. Nach einer bestimmten Stunde, die ein Signal vom Rathaus her ankündigte, war es nicht gestattet, aus dem Hause zu gehen. Die ganze Presse war einer strengen Zensur untergeordnet. Kein Aufsatz, der gegen die Diktatur des Rates gerichtet war, wurde durchgelassen. Übrigens war das ganze Land so sehr von der Wohltätigkeit eben dieser Diktatur überzeugt, daß die Setzer sich weigerten, Zeilen zu setzen, welche den Rat kritisierten.
Alle Fabriken waren voll Agenten des Rates. Bei der geringsten Unzufriedenheit mit dem Rat beeilten sich diese Agenten auf eilig versammelten Meetings, in leidenschaftlichen Reden alle Zweifelnden zu überzeugen. Der wirkungsvollste Beweis war natürlich jener, daß das Leben der Arbeiter in der Republik für die ganze Welt ein Gegenstand des Neides sei. Man sagt auch, daß der Rat, im Falle unentwegter Agitation einzelner Personen, einen politischen Mord nicht verschmähte. Jedenfalls aber wurde, so lange die Republik besteht, bei der allgemeinen Stimmabgabe noch kein Direktor von den Bürgern in den Rat gewählt, der den Gründern feindlich gewesen wäre.
Die Einwohner der Sternenstadt bestanden hauptsächlich aus Arbeitern, die ihre Zeit abgedient hatten. Das waren, sozusagen, Rentiers des Staates. Die Regierung gab ihnen Mittel und Möglichkeit, komfortabel zu leben. Darum ist es nur natürlich, daß die Sternenstadt in den Ruf einer der fröhlichsten Städte auf der Welt kam. Für verschiedene Entrepreneure war dies ein gefundenes Fressen. Die Berühmtheiten der ganzen Welt trugen ihre Talente hierher. Hier waren die besten Opern, Konzerte, Kunstausstellungen; hier erschienen die bestunterrichteten Zeitungen. Die Magazine der Sternenstadt überraschten durch reiche Auslagen, die Restaurants durch Pracht und Erlesenheit der Gedecke; die Freudenhäuser betörten durch alle Formen des Lasters, welche die alte und neue Welt erdacht hatten. Trotzdem war das von der Regierung ausgehende Reglement des Lebens auch in der Sternenstadt zu bemerken. Es ist wahr, die Ausstattung der Wohnungen, die Moden der Gewänder waren nicht eingeschränkt, doch auch hier blieb das Verbot des Ausgehens nach einer bestimmten Stunde in Kraft, gleichwie die Strenge der Preßzensur, und der Rat hielt sich auch hier eine ganze Armee von Spionen. Die Ordnung wurde offiziell von der Volkswacht aufrecht erhalten, doch Seite an Seite mit ihr existierte die geheime Polizei des allwissenden Rates.
In den allgemeinen Zügen war dies das Leben in der Republik des Südkreuzes und ihrer Hauptstadt. Aufgabe
eines künftigen Historikers dürfte es sein, zu bestimmen, in wieweit dieses Leben auf die Entstehung und Verbreitung jener unheilvollen Epidemie einwirkte, die zum Untergange der Sternenstadt führte und vielleicht auch zu dem des ganzen jungen Staates.
Die ersten Fälle einer Erkrankung am „Widerspruche“ wurden schon vor etwa 20 Jahren in der Republik bemerkt. Damals trug diese Krankheit noch einen zufälligen und sporadischen Charakter. Die dort ansässigen Psychiater und Neuropathologen interessierten sich für sie, gaben ihre genaue Beschreibung und es wurden ihr auch auf dem damals in Lhassa stattfindenden internationalen Medizinerkongreß mehrere Berichte gewidmet. Allein man vergaß sie später, obwohl es in den psychiatrischen Kliniken der Sternenstadt niemals an von dieser Krankheit Befallenen mangelte. Seinen Namen erhielt dies Leiden daher, daß die an ihm erkrankten beständig sich selbst und ihren Wünschen widersprachen, das eine wollten, aber ein ganz anderes sagten oder taten. (Der wissenschaftliche Name dieser Krankheit ist mania contradicens.) Sie setzt gewöhnlich mit schwach angedeuteten Symptomen ein, vorwiegend in einer Art eigentümlicher Aphasie. Der Erkrankte sagt anstatt „Ja“ — „Nein“; an Stellen von freundschaftlichen Worten, überschüttet er den anderen mit Schimpfreden usw. Größtenteils beginnt der Kranke gleichzeitig zu sich selbst und seinen Handlungen in Widerspruch zu treten; will er links gehen, so wendet er sich nach rechts; gedenkt er seinen Hut abzunehmen, um besser sehen zu können, so drückt er sich ihn um so tiefer in die Stirne usw. Bei einer Weiterentwicklung der Krankheit erfüllen diese Widersprüche das ganze körperliche und seelische Leben des Kranken, dabei natürlich mit großer Mannigfaltigkeit und der individuellen Eigenheit eines jeden entsprechend auftretend. Im allgemeinen sind die Reden des Kranken unverständlich, seine Handlungen töricht. Auch die
Regelmäßigkeit der physiologischen Verrichtungen des Organismus wird gestört. Das Unvernünftige seines Handelns erkennend, gerät der Kranke in äußerste Erregung, die oft an Ekstase grenzt. Sehr viele beenden ihr Leben durch Selbstmord, was zuweilen in einem Wahnsinnsanfall geschieht, zuweilen aber auch in Minuten seelischer Klarheit. Einige sterben durch einen Bluterguß ins Gehirn. Fast immer führt die Krankheit zu einem letalen Ende; Fälle der Wiederherstellung sind äußerst selten.