In der Sternenstadt nahm die mania contradicens erst in den mittleren Monaten dieses Jahres ihren epidemischen Charakter an. Bis zu dieser Zeit war die Zahl der an Widerspruch erkrankten niemals größer als 2 Prozent der überhaupt Erkrankten. Doch dieses Verhältnis stieg im Mai (dies ist ein Herbstmonat in der Republik) plötzlich auf 25 Prozent und wurde in den folgenden Monaten immer größer, während gleichzeitig auch die absolute Zahl der Erkrankungen proportional wuchs. In der Mitte des Juni waren schon 2 Prozent der ganzen Bevölkerung, d. h. etwa 50000 Menschen offiziell als am Widerspruch erkrankt erklärt. Nach dieser Zeit fehlen alle statistischen Daten. Die Krankenhäuser waren überfüllt. Das Kontingent der Ärzte war bald zu klein. Dazu kam noch, daß auch die Ärzte sowie die Krankenwärter der Krankheit erlagen und sehr bald schon war es vielen Kranken unmöglich, ärztliche Hilfe zu erlangen, und deshalb wurde eine genaue Registrierung der Krankheitsfälle illusorisch. Übrigens treffen die Berichte aller Augenzeugen darin zusammen, daß man bereits im Juli keine Familie mehr sehen konnte, in der nicht ein Erkrankter gewesen wäre. Zu diesem kam noch, daß die Zahl der Gesunden sich beständig verringerte, da eine Massenemigrierung aus der Stadt, wie aus einem verseuchten Orte, begann, und die Zahl der Kranken zunahm. Es läßt sich denken, daß jene nicht weit von der Wahrheit entfernt sind, welche behaupten, daß schon im August alle, die in der Sternenstadt zurückgeblieben waren, von einer psychischen Störung ergriffen waren.

Das erste Auftreten der Epidemie kann man in den dortigen Zeitungen verfolgen, die das alles in eine ständig anwachsende Rubrik eintrugen: Mania contradicens. Da es so schwierig ist, die Krankheit in ihren ersten Stadien zu erkennen, so ist die Chronik der Tage im Beginn der Epidemie voll von komischen Episoden. Ein erkrankter Kondukteur der Metropolitaine nahm kein Geld von den Passagieren, sondern zahlte es ihnen. Ein Straßenwächter, dessen Pflicht es war, die Bewegung auf der Straße zu regulieren, hemmte und verwirrte sie im Verlaufe eines ganzen Tages. Ein Museumsbesucher nahm in den Sälen, die er durchschritt, alle Bilder herunter und hängte sie umgekehrt wieder auf. Eine Zeitung, deren Korrektur von einem erkrankten Redakteur gelesen wurde, war voll lächerlicher Versehen. Im Konzerte störte plötzlich ein erkrankter Geiger durch fürchterliche Dissonanzen, die vom Orchester ausgeführte Pièce usw. Eine lange Reihe solcher Zufälle gab den dortigen Feuilletonisten Stoff zu witzigen Ausfällen. Doch einige Ereignisse anderer Art brachten bald die Spötter zum Schweigen. Das erste bestand darin, daß ein Arzt, der am „Widerspruch“ erkrankt war, einem Mädchen ein unbedingt tödliches Mittel verschrieb, und daß seine Patientin starb. Ganze drei Tage waren die Zeitungen mit diesem Vorfall beschäftigt. Dann waren es zwei Ammen, die im Stadtkindergarten in einem Anfall des Widerspruchs einundvierzig Kindern die Gurgel durchschnitten. Die Nachricht von diesem Fall erschütterte die ganze Stadt. Doch am selben Tage rollten zwei Erkrankte aus dem Hause, in dem die Stadtmilizen einquartiert waren, eine Mitrailleuse und überschütteten die friedlich wandelnde Menge mit Kartätschen. An 500 Menschen wurden getötet oder verwundet.

Nach diesem Vorfall begannen alle Zeitungen, sowie die ganze Gesellschaft stürmisch nach sofortigen Maßregeln gegen die Epidemie zu verlangen. In einer Extrasitzung des Stadtrates und der gesetzgebenden Kammer wurde beschlossen, Ärzte aus den anderen Städten und dem Auslande aufzufordern, sofort die alten Krankenhäuser zu vergrößern, neue zu

eröffnen, sowie Häuser zur Isolierung der am „Widerspruch“ Erkrankten zu gründen, eine Broschüre über die neue Krankheit, in der auf alle Anzeichen und Heilungsmethoden hingewiesen werden sollte, in 500000 Exemplaren drucken und verteilen zu lassen, und endlich in allen Straßen spezielle Jouren von Ärzten und ihren Gehilfen zu organisieren, sowie auch regelmäßige Besuche in den Privatquartieren zum Erweisen der ersten Hilfe usw. Es wurde auch beschlossen, täglich ausschließlich für Kranke bestimmte Züge auf allen Strecken verkehren zu lassen, da die Ärzte als bestes Mittel gegen die Krankheit eine Ortsveränderung empfahlen. Ähnliche Mittel wurden gleichzeitig auch von verschiedenen Privatassoziationen, Vereinigungen und Klubs ergriffen. Es wurde sogar eine besondere „Gesellschaft zum Kampf mit der Epidemie“ begründet, deren Mitglieder schon bald eine wirklich aufopfernde Tätigkeit entwickelten. Doch ungeachtet dessen, daß all diese und ähnliche Mittel mit unermüdlicher Energie durchgeführt wurden, wurde die Epidemie nicht schwächer, sondern mit jedem Tage stärker, betraf in gleicher Weise Kinder und Greise, Männer und Frauen, arbeitende Menschen und solche, die sich erholten, Asketen und Wüstlinge. Und bald wurde die ganze Gesellschaft von unüberwindlichem, elementarem Grauen vor diesen unerhörten Nöten ergriffen.

Die Flucht aus der Sternenstadt begann. Anfangs beeilten sich einige aus der Zahl der hervorragenden Beamten, Direktoren, Mitgliedern der gesetzgebenden Kammer und des Stadtrates, ihre Familien in die südlichen Städte Australiens oder nach Patagonien zu schicken. Nach ihnen kam dann die zufällig angereiste Bevölkerung: Ausländer, die sehr gerne „die allerlustigste Stadt der Südhemisphäre“ besuchten, Artisten aller Professionen, Abenteurer verschiedenster Art, Frauen von leichter Aufführung. Als die Epidemie trotzdem neue Fortschritte machte, flohen auch die Kaufleute. Ihre Waren verkauften sie eiligst und ihre Magazine überließen sie dem Schicksale. Gleichzeitig mit ihnen flohen die Bankiers, die Besitzer von Theatern und Restaurants, die

Herausgeber von Zeitungen und Büchern. Endlich trat die Notwendigkeit auch an die Stammbevölkerung heran. Nach dem Gesetze durften die gewesenen Arbeiter die Republik nicht ohne eine besondere Erlaubnis verlassen, unter Androhung des Verlustes der Pension. Doch um sein Leben zu retten, kümmerte sich keiner mehr um diese Drohung. Man desertierte. Es flohen die in den staatlichen Behörden dienenden, es flohen die Glieder der Volksmiliz, es flohen die Schwestern in den Krankenhäusern, die Pharmazeuten, die Ärzte. Das Bestreben zu fliehen, wurde seinerseits fast zur Manie. Es flohen alle, die fliehen konnten.

Die Stationen der elektrischen Bahnen waren beständig von riesigen Volksmengen umlagert. Die Billette zu den Zügen wurden für enormes Geld gekauft, und es wurde um sie gekämpft. In der Minute der Abfahrt des Zuges brachen neue Menschen in die Waggons und traten die eroberten Plätze nicht ab. Die Menschen hielten die nur für Kranke bestimmten Züge an, zogen sie aus den Waggons, nahmen ihre Zellen ein und zwangen den Maschinisten zu fahren. Der ganze bewegliche Bestand an Eisenbahnen in der Republik arbeitete seit Ende Mai nur auf den Linien, welche die Hauptstadt mit den Häfen verbanden. Die aus der Sternenstadt kommenden Züge waren überfüllt; die Passagiere standen in den Gängen, wagten es sogar, draußen zu stehen, obgleich bei der Schnelligkeit der heutigen elektrischen Bahnen die Gefahr des Erstickungstodes drohte. Die Dampferkompagnien Australiens, Südamerikas und Südafrikas machten verhältnismäßig gute Geschäfte bei der Überfahrt der Emigranten aus der Republik in andere Länder. Zur Sternenstadt aber fuhren die Züge fast leer. Für kein Geld konnte man Menschen bereit finden, einen Dienst in der Hauptstadt zu übernehmen; nur zuweilen besuchten exzentrische Touristen und Liebhaber starker Emotionen die verseuchte Stadt. Man hat berechnet, daß vom Beginn der Emigrierung bis zum 22. Juni, als der regelmäßige Bahnverkehr aufhörte, etwa 1500000 Menschen die Sternenstadt

auf den sechs Bahnlinien verließen, also fast zwei Drittel der gesamten Einwohnerschaft.

In dieser Zeit hat sich der Vorsitzende des Stadtrates, Horace Divile, durch seine Unternehmungslust, Willenstärke und Männlichkeit ewigen Ruhm erworben. In der Extrasitzung vom 5. Juni übertrug der Stadtrat im Einvernehmen mit der Kammer und dem Rate der Direktoren dem Divile die diktatorische Gewalt über die Stadt mit dem Titel des Befehlhabers, übergab ihm die Stadtkasse zur Verfügung, die Volksmiliz und die städtischen Unternehmungen. Hierauf wurden die Regierungsinstitutionen und das Archiv aus der Sternenstadt in den Nordischen Port übergeführt. Der Name Horace Divile müßte mit goldenen Buchstaben zu den alleredelsten Namen der Menschheit geschrieben werden. Im Verlauf von 1 ½ Monaten kämpfte er unablässig mit der fortschreitenden Anarchie in der Stadt. Ihm gelang es, sich eine Schar mutiger Gehilfen zu bilden. Ihm gelang es unter der Volksmiliz und den städtischen Beamten, die das Grauen vor der allgemeinen Not ergriffen hatte, und deren Zahl durch die Epidemie fortwährend dezimiert wurde, noch lange die Disziplin und Subordination aufrecht zu erhalten. Hunderttausende verdanken Horace Divile ihre Rettung, da es ihnen nur dank seiner Energie und seinen Anordnungen abzureisen gelang. Anderen Tausenden von Menschen erleichterte er die letzten Tage, gab ihnen die Möglichkeit im Krankenhause bei guter Pflege und nicht unter den Schlägen der entmenschten Menge zu sterben. Ferner hat Divile der Menschheit die Chronik dieser Katastrophe erhalten, denn nicht anders kann man diese kurzen aber inhaltsreichen und genauen Telegramme nennen, die er täglich und auch mehreremale am Tage aus der Sternenstadt nach der zeitweiligen Residenz der republikanischen Regierung beförderte: nach dem Nordischen Port.

Bei Übernahme des Postens eines Stadtbefehlshabers war Diviles erstes Werk der Versuch, die aufgeregten Gedanken der Bevölkerung zu beruhigen. Er gab Manifeste heraus, die darauf hinwiesen, daß die psychische Ansteckung